5
Daſs aber Joannes selbst sich nicht, wie es dem Gelübde seiner Mutter entsprochen hätte, den Franziskanern, sondern den Karmelitern anschloſs, läſst sich wohl aus seiner ganzen Gemüts- und Geistesrichtung erklären, die ihn zur mystischen Theologie trieb, und diese wurde damals ganz besonders bei den unbeschuhten Karmelitern gepflegt, wie ja Theresia a Jesu, Joannes a Cruce und viele andere Karmeliter eifrige Mystiker waren.
Während Joannes, der bei seinem Eintritt in das Kloster den Namen Joannes a Jesu Maria angenommen hatte, zu Pastrana noch Novize war, starb sein Vater. Aber selbst die Nachricht von diesem traurigen Ereignisse erschütterte nicht seinen eimmal gefaſsten Vorsatz, obwohl sie ihn zu einer Zeit traf, wo er noch durch kein Gelübde an das Kloster gebunden war, und wo er sich wohl hätte sagen können, daſs er jetzt zur Stütze seiner verwitweten Mutter, zum Schutze seiner verwaisten Schwestern berufen sei. Er plieb aber in dem Kloster, indem er von der Ansicht ausging, daſs er dadurch Gott besser dienen könne, als durch die Sorge für das zeitliche Wohlergehen der Seinigen. Zugleich verzichtete er aber auch damit auf die reiche Erb- schaft, die ihm durch den Tod seines begüterten Vaters zufiel.
Auch zu Pastrana zeichnete er sich bald, wie früher zu Hause und dann zu Salamanka, vor den übrigen Novizen sowohl durch seinen Eifer, wie auch durch seine Leistungen aus, und nachdem er glücklich seine Probezeit bestanden hatte, legte er in'seinem neunzehnten Lebensjahre, 1583, das Ordensgelübde ab, durch welches er sich Gott und der heiligen Jungfrau Maria de monte Carmelo zu ungeteiltem Dienste weihte. Und ungeteilt sollte dieser Dienst auch wirklich sein. Dies beweist vor allem der Umstand, dals er alle seine bisherigen Beziehungen, sogar diejenigen zu seinen Angehörigen, fast gänzlich aufgab. So sah er von dieser Zeit an seine Mutter nur noch ein einziges Mal, als er nämlich auf einer dienstlichen Reise nach einem anderen Konvente seine Vaterstadt berührte. Diese fromme Prau aber verkehrte, so lange sie lebte,— und sie starb 1602— noch häufig auf prieflichem Wege mit ihrem innig geliebten Sohne. Sie trug ihm alles, was in der Familie Trauriges sich ereignete, und ebenso allen sonstigen Kummer ihrer Seele vor, um durch seine Fürbitte Hülfe von Gott zu erlangen, und um aus seinen Ant- wortschreiben Trost für sich selbst zu schöpfen. Doch Joannes, der ja um seiner Liebe zu Christo willen sich von allem, was er früher besessen, auch von seiner Mutter, losgerissen hatte, glaubte sich sogar im brieflichen Verkehr mit ihr strenge Beschränkungen auferlegen zu müssen. Daher schrieb er nur selten an sie und nur mit strenger Beobachtung der Pflicht des Gehorsams, die sein Orden von ihm forderte, also nur mit spezieller Erlaubnis seines Vorgesetzten. Ofter lieſs er aber auch einen Brief seiner Mutter wohl einen Monat uneröoffnet neben sich liegen, dann gab er ihn seinem Beichtvater oder dem Vorsteher des Klosters, damit dieser ihn lesen, ver- brennen und dann erst ihm sagen sollte, was er etwa nach den Gesetzen der Liebe oder in Be- obachtung seiner Ordenspflichten darauf zu erwidern oder zu thun habe. Und dies geschah von ihm nicht etwa aus Lieblosigkeit, oder weil seine Mutter ihm gleichgültig geworden wäre, sondern er liebte und verehrte sie nach wie vor und schlols stets inbrünstige Fürbitten für sie in seine Gebete ein. Aber er glaubte damit der Ordenspflicht zu genügen, die ihm gebot, sich von allen irdischen Beziehungen loszureilsen und nur Mönch, nichts als Mönch zu sein: eine Pflicht, deren Erfüllung ihm schwer genug geworden sein mag.*) Mit seinen Schwestern und seinen übrigen
*) Das Verhalten des Joannes seiner Mutter gegenüber ist gewils nicht zu billigen, und es läfst sich zu seiner Entschuldigung nur das eine anführen, dals er in dem festen, aber freilich falschen Glauben handelte, durch eine so unnatürliche und unkindliche Handlungsweise seiner Pflicht zu genügen und Gott zu dienen.


