Aufsatz 
Joannes a Jesu Maria : ein Mystiker der katholischen Kirche / von Krebs
Entstehung
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sollte. Im Jahre 1581 hatten sie dann in Alcala de Henarez ihr erstes Provinzialkapitel abgehalten und ihren ersten Provinzial gewählt*). Von diesem also wurde es dem Joannes gestattet, als Novize in das Kloster S. Petri zu Pastrana am Tajo in Neukastilien einzu- treten. Dals seine Eltern, deren einziger Sohn er doch war, seinem Entschlusse, Mönch zu wer- den, nichts in den Weg legten, kann uns um so weniger Wunder nehmen, als wir ja den streng religiösen Sinn kennen, der in dem Hause des Didacus a S. Petro herrschte. Dals sie es ihm aber gestatteten, gerade bei den unbeschuhten Karmelitern einzutreten, erscheint deshalb merkwürdig, weil wir doch wissen, daſs Donna Anna, des Joannes Mutter, früher ein Gelübde abgelegt hatte, wonach ihr Sohn Franziskaner werden sollte. Wie dieselbe nun von diesem Versprechen befreit wurde, sodaſs Joannes mit ihrem Willen, statt in den Franziskanerorden einzutreten, Karmeliter werden konnte, darüber fehlt uns jede bestimmte Nach- richt. Sicher hat aber eine Entbindung von diesem Gelübde stattgefunden, denn einesteils ist es nach dem, was wir über den Charakter des Joannes wissen, nicht anzunehmen, daſs er im Ungehorsam gegen seine Eltern diesen für sein weiteres Leben entscheidenden Schritt gethan habe, zumal da uns noch dazu mitgeteilt wird, dals Didacus und Anna sich sogar von Herzen der Gnade freuten, die Gott ihrem Hause dadurch widerfahren liels, daſs er ihren Sohn gleichsam für sich adoptierte; andernteils ist es auch nicht wohl denkbar, dals die Mutter des Joannes sich leichtfertig über das einmal abgelegte Gelübde hinweggesetzt hätte, denn das würde schlecht zu der von ihr gerühmten Frömmigkeit und Gewissenhaftigkeit passen. Vielleicht dürfte der Umstand, dals das Wohnhaus des Didacus, das Geburtshaus des Joannes freilich erst viel später in den Besitz des Franziskanerordens überging, hiermit in Beziehung stehen.

*) Den Karmeliterorden hat der Sage nach der alttestamentliche Prophet Elias auf dem Berge Karmel gegründet. In Wirklichkeit scheint der Stifter des Ordens ein gewisser Berthold, Sohn eines Gra- fen von Limoges zu sein, welcher im Heere Gottfried's von Bouillon gedient hatte, sich aber dann um die Mitte des 12. Jahrhunderts aus der Welt zurückzog, auf dem Berge Karmel für sich und einige Gefährten Zellen erbaute und dort bis zu seinem Tode wohnte. Die erste Mönchsregel erhielt der noch im Entstehen begriffene Orden von dem Patriarchen Albrecht von Jerusalem 1209, und Papst Honorius III. bestätigte dieselbe 1224. Schon wenige Jahre nachher siedelte der Orden aus Palästina nach Europa über, und dieser Umstand veranlaſste mehrere Veränderungen in ihrer Regel. Immer mehr und mehr bildete sich im Laufe der folgenden zwei Jahrhunderte eine mildere Praxis bei der gröfseren Mehrheit der Ordensmitglieder aus, ein Um- stand, der schon im fünfzehnten Jahrhunderte die strenger gesinnten Ordensbrüder zur Lostrennung von den weniger strengen bestimmte. Ein Versuch, den in demselben Jahrhunderte der Ordensgeneral Jean Baptiste Soreth machte, den ganzen Orden wieder zu seiner ursprünglichen Strenge zurückzuführen, hatte zur Folge, dals Soreth durch vergiftete Maulbeeren aus dem Wege geräumt wurde. Eine wirksame Reform erfolgte erst im sechzehnten Jahrhunderte durch Theresia von Cepeda, mit ihrem Klosternamen Theresia a Jesu, welche zuerst in dem Nonnenkloster zu Avila in Altkastilien, dem sie selbst angehörte, eine sehr strenge Zucht einführte, in der Art, wie sie durch die Regel des Patriarchen Albrecht von Jerusalem geboten war. Allmäh- lich gewann sie einen groſsen Teil des Ordens für ihre Reform, welche besonders in Bezug auf Fasten und Selbstzüchtigungen ungemein rigoristische Vorschriften gab; und da sie das Barfuſfsgehen zu einer unantast- baren Ordnung machte, so wurden diejenigen Ordensleute, die sich ihrer Reform anschlossen, discalceati, d. h. unbeschuhte Karmeliter genannt. Sie wurden aber erst ganz allmählich von den gemilderten Karmelitern abgesondert. Vergl. hierzu: HelyotAusführliche Geschichte aller geistlichen und welt- lichen Kloster- und Ritterorden u. s. W. Aus dem Französischen übersetzt. Leipzig 1753. Bd. 1. ferner: Pragmatische Geschichte der vornehmsten Mönchsorden von einem ungenannten Franzosen gesammelt, in deut- schem Auszuge, mit Vorrede von Walch. Leipzig 1774. Bd. 1. und Henrion,Allgemeine Geschichte der Mönchsorden, frei bearbeitet von Fehr. Bd. 1.