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zählen ſeine Sonette zu den vortrefflichſten, die je gedichtet worden ſind, ſodaß ſelbſt Schiller aner⸗ kannte, ſie ſeien„Muſter in ihrer Art, die ſich auf den Lippen des Deklamators in Geſang ver⸗ wandeln.“ Das ausgezeichnetſte unter ihnen dürfte wol das nachſtehende,„An das Herz“ gerichtete ſein, das Bürger in den Tagen ſeines tiefſten Kummers und Herzeleides im Jahre 1792 dichtete:
„Lange ſchon in manchem Sturm und Drange Wandeln meine Füße durch die Welt,
Bald den Lebensmüden beigeſellt,
Ruh' ich aus von meinem Pilgergange.
Leiſe ſinkend faltet ſich die Wange; Jede meiner Blüten welkt und fällt. Herz, ich muß dich fragen: was erhält Dich in Kraft und Fülle noch ſo lange?
Trotz der Zeit Despoten⸗Allgewalt Fährſt du fort, wie in des Lenzes Tagen, Liebend wie die Nachtigal zu ſchlagen.
Aber ach! Aurora hört es kalt, Was ihr Thitons Lippen Holdes ſagen.— Herz, ich wollte, du auch würdeſt alt!“
Als Erwiderung hierauf hat ein neuerer zeitgenöſſiſcher Dichter, Julius Sturm, folgendes Sonett gedichtet:*)
„Noch ſind deine Lieder nicht verhallt,
Wecken heute Jubel noch und Klagen,
Bis wir Sturm und Drang im Herzen tragen, Wie auch du in Sturm und Drang gewallt.
Gab es denn nicht Einen, der dich ſchalt, Als du ſeufzteſt in des Alters Tagen,
Weil dein Herz noch jugendlich geſchlagen: „Herz, ich wollte, du auch würdeſt alt!?“ Irrend oft in manchem Sturm und Drange, Bin auch ich durch dieſe Welt gewallt, Sinkend faltet ſich auch meine Wange. Herbſtlich weht um mich die Luft und kalt; Doch nur Eines iſt's, um das ich bange: Herz, mein Herz, o werd' nur du nicht alt!“
Bürger hatte 1784 nach dem Tode ſeiner erſten Gattin ſeinen Wohnſitz als Privatdocent in Göttingen genommen, wo er von dem Ertrage des Muſenalmanachs und ſeiner Vorleſungen über Aeſthetik und deutſchen Stil lebte, bis er im November 1789 zum außerordentlichen Profeſſor der Philoſophie an der dortigen Univerſität ernannt wurde, jedoch zunächſt auch nur auf das Honorar angewieſen blieb, das ihm ſeine Vorträge einbrachten. Die letzten Lebensjahre Bürgers waren von keinem freundlichen Hoffnungsſtrale mehr erhellt. An Leib und Seele gebrochen, verlaſſen von den meiſten ſeiner Freunde, irre geworden an ſich ſelbſt, ſah ſich der Lieblingsdichter des deutſchen
*) Vgl. Deutſche Dichterhalle, Jahrgang 1873, Nr. 20.


