12
Bürger hatte die Freude, als er bald nach dem Abdruck ſeiner Lenore im Muſen⸗Almanache eine Reiſe in ſeine Heimat machte, in einer an ſeine Schlafkammer ſtoßenden Bauernſtube die Ballade vom Schulmeiſter, unter dem lauteſten Beifalle der ländlichen Zuhörer, vorleſen zu hören. Aus vielen Gegenden Deutſchlands liefen zahlreiche Briefe ein, in welchen der Dichter beglückwünſcht ward. Joh. v. Müller ſchrieb an ſeinen Bruder:„Der verdammte Bürger mit ſeiner Lenore hat mein ganzes Nervenſyſtem eine Nacht hindurch erſchüttert, und dem Bonſtetten iſt, als er um die Mitternachtsſtunde las und plötzlich die Thür aufſprang, das Buch aus der Hand gefallen, und alle Hare ſind ihm gen Berg geſtiegen.“ So trug die Lenore Bürgers Name in hohe und niedere Kreiſe und fand überall die gleiche herzliche Aufnahme. Mit Recht ſagt A. W. v. Schlegel in ſeiner auch heute noch ſehr leſenswerten Schrift„Ueber Bürgers Werke,“ daß dieſem die Lenore, wenn er ſonſt nichts gedichtet hätte, allein die Unſterblichkeit ſichern würde. Auch Schlegel bezeugt, daß Bürgern, wie er ihm ſelbſt auch mehrmals mündlich verſichert, nichts dabei vorgeſchwebt habe, als einzelne verlorene Laute eines alten Volksliedes. Vortrefflich bemerkt der geiſtvolle Kritiker weiter:„Lenore bleibt immer Bürgers Kleinod, der koſtbare Ring, wodurch er ſich der Volkspoeſie, wie der Doge von Venedig dem Meere, für immer antraute. Mit Recht entſtand in Deutſchland bei ihrer Erſcheinung ein Jubel, wie wenn der Vorhang einer noch unbekannten wunderbaren Welt aufgezogen würde. Die Begünſtigungen der Jugend und Neuheit kamen dem Dichter zu ſtatten, allein es war auch an ſich ſelbſt ſein glücklichſter Wurf. Eine Geſchichte, welche die getäuſchten Hoffnungen und die vergebliche Empörung einesmenſchlichen Herzens, dann alle Schauer eines verzweiflungsvollen Todes in wenigen, leicht faßlichen Zügen und lebendig vorüberfliehenden Bildern entfaltet, iſt ohne erkünſteltes Bei⸗ werk, ohne vom Ziel ſchweifende Ausſchmückungen in die regſte Handlung, und faſt ganz in wechſelnde Reden geſetzt, während welcher man die Geſtalten, ohne den Beiſtand ſtörender Schilderungen, ſich be⸗ wegen und gebärden ſieht. In dem Ganzen iſt eine einfache und große Anordnung: es gliedert ſich außer der kurzen Einleitung und den Uebergängen in drei Hauptteile, wovon der erſte das heitere Bild eines friedlich heimkehrenden Heeres darbietet, und mit den beiden andern, der wilden Leiden⸗ ſchaft Lenorens, und ihrer Entführung in das Reich des Todes, den hebendſten Gegenſatz macht. Dieſe ſtehen einander wieder gegenüber: was dort die Warnungen der Mutter, ſind hier Lenorens Bongigkeiten und mit eben der Steigerung, die in den frevelnden Ausbrüchen ihres Schmerzes ſich zeigt, wird ſie immer gewaltſamer und eilender, und zuletzt mit einem Sturm des Grauſens ihrem Untergange entgegengeriſſen. Auch in dem ſchauerlichen Teile iſt alles verſtändig ausgeſpart, und für den Fortgang und Schluß immer etwas zurückbehalten, was eben bei ſolchen Eindrücken von der größten Wichtigkeit iſt. Denn es iſt ja eine bekannte Erfahrung, daß man, um ein Geſpenſt verſchwinden zu machen, gerade darauf zugehen muß; die ſo tief in der menſchlichen Natur ge⸗ gründete Furcht vor nächtlichen Erſcheinungen aus der Geiſterwelt bezieht ſich eigentlich auf das Unbekannte, und wird viel mehr durch das Unheimliche der Ahnung und zweifelhaften Erwartung erregt, als durch die Deutlichkeit einer ſchreckenden Gegenwart; mit dieſer kann der Dichter erſt dann die großen Streiche führen, wenn er ſich ſchon durch jene allmählich der Gemüter bemächtigt hat. Ohne dieſe Vorſicht kann ein ganzes Füllhorn von Schreckfantomen ausgeſchüttet werden, und es bleibt ohne die mindeſte Wirkung. In der Lenore iſt nichts zu viel: die vorgeführten Geiſterer⸗ ſcheinungen ſind leicht und luftig, und fallen nicht ins Gräßliche und körperlich Angreifende. Dabei iſt von dem Rabenhare an, das ſie zerrauft, jeder Zug bedeutend; der ſchöne Leichtſinn, womit ſie der Geſtalt des Geliebten folgt; die Schnelligkeit des nächtlichen Rittes; der wilde luſtige Ton in


