Aufsatz 
Über Bürgers Lenore
Entstehung
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ha! he! he! hil hil ho! ho! hu! hu! Aus allen Vocalen muß ich lachen, daß mir doch mein Kniff gelungen iſt, und ich einige Manunſcripte auf die Art Ihnen abgelockt habe. Doch teilt Bürger in demſelben Briefe, nachdem er die Exiſtenz der Ballade zugegeben, die aber noch ſehr der Feile bedürfe, Strophe 2, 3 und 4 mit.Der Stoff iſt aus einem alten Spinnſtubenliede ent⸗ nommen. Valeé! In einem Poſtſcriptum ſpricht der Dichter ſogar den Wunſch aus, daß das Gedicht in Mufik geſetzt werde, um in den Spinnſtuben geſungen zu werden. In einem Briefe vom 17. Mai ſagt Bürger:In meinem Leben hab' ich den Frühling ſo ſchön noch nicht geſehen. Er entzückt und begeiſtert mich ſo ſehr, daß ich kein Wort ſingen und ſagen kann. Deswegen iſt auch meine Ballade noch nicht zu Stande. Geduld! Geduld! Was lange währt, wird gut. Vale!

Dagegen ſchreibt er vom 27. Mai:Lenore nimmt täglich zu an Alter, Gnade und Weisheit bei Gott und den Menſchen. Sie tut ſolche Wirkung, daß die Frau Hofrätin*) des Nachts davon im Bette auffährt. Ich darf ſie gar nicht daran erinnern. Am 8. Julius ſchrieb Bürger einen jubelnden Brief über Goethes Götz, der damals gerade im Druck erſchienen war. Darin meldet er:Dieſer Götz von Berlichingen hat mich wieder zu drei neuen Strophen zur Lenore begeiſtert. In ſehr humoriſtiſchem Tone iſt Bürgers Brief vom 12. Auguſt gehalten:Gottlob, nun bin ich mit meinem ſchweren Horatio fertig! rief weiland Caspar Gottſchling. Gottlob, nun bin ich mit meiner unſterblichen Lenore fertig! ruf, auch ich in dem Taumel meiner noch wallenden Be⸗ geiſterung Ihnen zu. Das iſt dir ein Stück, Brüderle! Keiner, der mir nicht erſt ſeinen Batzen gibt, ſoll's hören. Weiter unten ſagt er mit komiſchem Pathos: Ihr ſollt alle mit bebenden Knien vor mir niederfallen und mich für den Dſchinkis⸗Chan, d. i. den größten Chan in der Ballade erklären; und ich will meinen Fuß auf eure Hälſe, zum Zeichen meiner Superiorität, ſetzen. Denn alle, die nach mir Balladen machen, werden meine ungezweifelten Vaſallen ſein, und ihren Ton von mir zu Lehn tragen. Ihr luſtiges Geſindel dort! ich will euch zeigen, qui siem! Ihr meint, ich könnte nichts mehr machen, wie ich habe munkeln hören? Bons dies! Meine Wurzel iſt noch nicht abgehauen, treibt noch herrliche Sproſſen und wird ihrer noch viele treiben. Alle Zungen auf Erden und unter der Erden ſollen bekennen, daß ich ſei ein Balladen⸗Adler, und kein anderer neben mir.

Solltet aber ihr, luſtiges Geſindel, oder einige unter euch, ſo inſolent ſein, und eure Knie nicht beugen wollen, ſo will ichs mit der Lenore, wie die Sibylle mit ihren neun Büchern beim Tarquin machen. Ein Drittel davon will ich gleich verbrennen, und wenn ihr dann vor den übrigen zwei Dritteln noch nicht niederfallen wollt, ſo ſoll auch das zweite Drittel ins Feuer. Vor

dem letzten Drittel fallt ihr gewiß dann mit großem Geheul nieder! Adio! Bürger.

Am 14. Auguſt ſchreibt Bürger:Dieſe Woche denk' ich noch gewiß zu kommen und Lenore zu bringen. Mit Bezug auf eine Aeußerung Boies, daß ein in Göttingen ſich aufhaltender Franzoſe Bürger gern ſeine Aufwartung zu machen wünſche, erwidert der Dichter:Der Franzoſe tut ſehr wohl, daß er auch Uns ſeine Knie beugen will. Wir nehmen die Ehre, als wohlver⸗ dient, in hohen Gnaden an. Er könnte aber wohl eher zu Uns kommen, als Wir zu ihm. Dieß Letztere läuft wider Unſere hohe Adler⸗ oder vielmehr Condor⸗Würde. Denn der Titul eines

*) Die Hofrätin Liſte, bei deren Mann Bürger wohnte, ſo lange er unverheiratet war. An dieſe geiſtvolle, doch ſchwärmeriſche und nicht mehr junge Frau hatte Bürger ſein ſchönes GedichtAn Agathe(1772) gerichtet. Er ſchätzte die Dame eben ſo ſehr wie ſein Freund Boie, und teilte ſogar ihre frommen Schwärmereien.