9
genommen. Die zur Begründung dieſer Behauptung daſelbſt ausgehobenen Stellen dürften wol keinen unbefangenen Leſer überzeugen, und obige Erzählung,(welche ſich auf das Zeugnis des Freundes gründet, deſſen Stimme hier deſto entſcheidender iſt, weil er der einzige Vertraute des Dichters bei dieſer ſtrophenweiſe unter ſeinen Augen entſtandenen Arbeit war), widerlegt das ganze Vorgeben durchaus. Ein ähnliches altes Volkslied iſt gewiß vor Zeiten in Deutſchland, warum nicht auch in England? geſungen worden. Aber nicht die Erfindung des Stoffes macht hier das Verdienſt des Sängers, ſondern die Behandlung, welche ihm unſtreitig allein gehört und die Ent⸗ ſtehung ſeiner Manier, wie im Keime, zeigt.— Bürger hat ſo wenig von einem engliſchen, wie überhaupt von einem Originale dieſer Ballade etwas gewußt, daß er ſich vielmehr allenthalben ſehr angelegentlich nach dem alten Liede, von dem jene in mehreren Gegenden Deutſchlands noch im Munde des Volkes lebenden Laute ein Teil ſein müſſen, aber immer vergebens, erkundigte. Und eine alte engliſche ähnliche Ballade würde ſeinem Freunde Boie, der mit den Schätzen der göttingiſchen Bibliothek in dieſem Fache ſehr vertraut war, ſchwerlich entgangen ſein, wenn ſie daſelbſt zu finden geweſen wäre.“*)
Nach einem Briefe Bürgers an Boie, Gelliehauſen vom 6. Mai 1773, lautete der Anfang der Ballade urſprünglich:
„Lenore weinte bitterlich,
Ihr Leid war unermeßlich;
Denn Wilhelms Bildnis prägte ſich Ins Herz ihr unvergeßlich.“
Boie antwortete bereits vom 8. Mai aus Göttingen:„Sie haben mich unendlich lüſtern gemacht nach der Lenore.“ Bürger entgegnet ſehr heiter vom 10. Mai:„Hatt' ich Ihnen neulich geſchrieben, daß ich eine ſo herrliche Ballade Lenore gemacht hätte?— Da muß ich mich häßlich verſchrieben haben! mein liebſter Herzens⸗Boie!— Ich will erſt eine machen, die ſo vortrefflich ſein ſoll. Ha!
*) Vgl. Adolf Strodtmann. Briefe von und an Gottfried Auguſt Bürger. I. Bd. S. 101 Anm.: „Hiermit ſtimmt überein, was Dr. Althof in einem ungedruckten Briefe aus Göttingen, den 19. Januar 1797, an Friedr. Nicolai ſchreibt:„Die im Monthly Magazine(Sept. 1796) enthaltene Vermutung, daß Bürger den Stoff zu ſeiner Lenore aus einer engliſchen Ballade genommen, iſt gewiß unbegründet, indem Bürger, der ſo etwas doch nicht zu verſchweigen pflegte, mir und andern oft verſichert hat, der Geſang eines Landmädchens in ſeinem Gerichtsſprengel, den er zufälligerweiſe mit anhörte, habe bei ihm die erſte Idee zu dieſem Gedichte veranlaſſet.“ In einem ſpäteren Briefe Althofs an Nicolai vom 19. Februar 1797 heißt es noch genauer:„Ich weiß aus Bürgers Munde, daß der Stoff der Lenore nicht aus engliſchen Balladen entlehnt iſt, ſondern daß ein Fragment eines Liedes, welches Bürger einſt ein Bauernmädchen zu Appenrode ſingen hörte, ihn zur eignen Erfindung desſelben veranlaſſet hat.“ Auch der vorſich⸗ tige und gründliche Koberſtein ſchließt ſich in ſeinem Grundriß III S. 2634 und 35 Anm. dieſer Anſicht an, wenn er ſagt:„Daß Bürger durch einige Verſe aus einem verſchollenen deutſchen Volksliede, die er eines Abends beim Mondſchein von einem Bauernmädchen ſingen hörte, zuerſt angeregt wurde, die„Lenore“ zu dichten, iſt gewiß. Dagegen kann durch nichts bewieſen werden, der Inhalt ſeiner Ballade ſei aus dem Liede entnommen, welches im„Wunderhorn“ 2. S. 19 f. ſteht, und welches er nachts aus einem Nebenzimmer gehört habe; vielmehr iſt der Verdacht ſehr gegründet, dieſes Lied ſei eher eine Erfindung der Herausgeber des„Wunderhorns“, als ein echtes Volkslied.“— Dieſe Anſicht gewinnt noch an Wahrſcheinlichkeit, wenn man bedenkt, daß Achim von Arnim auch ſeine Romanze von der Lolerei als Volkslied ausgab. Dagegen kannte Bürger eine alte ſchottiſche, von Herder aus Perey reliques of ancient poetry frei überſetzte Ballade„Wilhelms Geiſt“, aus welcher er einige Stellen für ſeine Lenore benutzt hat. Auf Einzelheiten hier nähe r einzugehen, würde zu weit führen. Ich begnüge mich darauf hinzuweiſen, daß Wilh. Wackernagel den ganzen Sagen⸗ kreis in der vortrefflichen Abhandlung„Zur Erklärung und Beurteilung von Bürgers Lenore“, im Baſeler Programm von 1835 herausgab, wieder abgedruckt mit einem Zuſatze von Hoffmann in Mor. Haupts und H. Hoffmanns Altd. Blättern I S. 147—196, wozu Pröhle in ſeiner Schrift über Bürger einige wertvolle Nachträge geliefert hat.


