Aufsatz 
Über Bürgers Lenore
Entstehung
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Seite ſich ſchmiegend, mit ihm beim bleichen Mondſchein den trügeriſchen, gräßlichen Geiſterritt. Mit welcher Kunſt hat Bürger dieſen nächtlichen Ritt auf dem Geiſterpferde durch die geſpenſtiſchen Schrecken der Geiſterwelt geſchildert! Da iſt jeder Zug meiſterhaft. Immer ſchneller wird der Ritt, zuletzt dreht ſich die ganze Landſchaft im ſinnverwirrenden Taumel, ja, ſelbſt der Mond und die Sterne am Himmel tanzen mit. Das Gefolge wird immer grauſiger: ſtatt Jubelklänge Grabgeſang und Hochgericht. Dazwiſchen ertönt immer wieder die geheimnisvolle Frage:Graut Liebchen auch vor Toten? an das immer ängſtlicher bebende Mädchen. Zuletzt, als der wilde Reiter zum drittenmale die Frage an ſie richtet, da vernehmen wir in demO weh! des bangen Mädchens die entſetzlichſte Todesangſt. Und nun, nachdem Lenore alle Todesſchauer durchgemacht, gibt ſich der dämoniſche Reiter ihr als das zu erkennen, was er in Wahrheit iſt, als rächenden Boten des Todes. Furchtbar hat ſich ihr frevelhafter Wunſch erfüllt: ſie ſtirbt, nachdem ihr Geiſt von der Nacht des Wahnſinns verhüllt iſt, dahin inNacht und Graus. Erſchüttert verlaſſen wir die unglückſelige Grabesbraut an der ſtummen Pforte des Todes, von der keine Antwort herübertönt, und ſtimmen in die erhebenden Schlußworte des Dichters ein, welche uns an die Chorlieder der griechiſchen Tragiker gemahnen:

Geduld! Geduld! wenn's Herz auch bricht;

Mit Gott im Himmel had're nicht!

Des Leibes biſt Du ledig,

Gott ſei der Seele gnädig!

Zu der großartigen Wirkung aber, welche die Lenore bei ihrem Erſcheinen ausübte, trug nächſt der glücklichen Wahl des Stoffes ganz beſonders die Ausführung, die poetiſche Geſtaltung desſelben bei. Von Anfang bis zu Ende finden wir weiſes Maßhalten und wachſende Steigerung. Der Stoff iſt echt tragiſch, Furcht und Mitleid weckend, durchweg dramatiſch behandelt. Das wußte keiner beſſer als der alte, nun auch am Rande des Grabes ſtehende Holtei, der etwa 50 Jahre ſpäter ſein beliebtes VolksſchauſpielLenore nach Bürgers Ballade dichtete und darin, um den Dichter noch im Tode zu ehren, den PaſtorBürger genannt hat.

Acht Monate lang hat Bürger an ſeiner Lenore gearbeitet, die er den göttinger Freunden bruchſtückweiſe zur Beurteilung ſchickte. Es iſt ſehr intereſſant, den von dem Dichter mit Boie deshalb geführten Briefwechſel nachzuleſen, weil wir dadurch zugleich ein treues Bild von Bürgers ebenſo gutmütigem und bravem Charakter wie leichtſinnigem und ausgelaſſenem Weſen erhalten.

Bürger beginnt ſeinen Briefwechſel Gelliehauſen, den 19. April 1773. Es heißt darin: Ich habe eine herrliche Romanzen⸗Geſchichte aus einer uralten Ballade aufgeſtört. Schade nur, daß ich an den Text der Ballade ſelbſt nicht gelangen kann! Dazu bemerkt Joh. Heinr. Voß: Die Geſchichte der Lenore hat Bürger von einem Hausmädchen erzählen gehört. Die Erzählerin, die er in der Folge Chriſtine nennt, wußte aus dem alten Liede nur die Verſe: 4 i

Der Mond, der ſcheint ſo helle, Die Toten reiten ſchnelle

und die Worte des Geſprächs:Graut Liebchen auch?Wie ſollte mir grauen? Ich bin ja bei dir. Wir haben dem Liede in allen Gegenden von Deutſchland umſonſt nachgeforſcht. Althof in ſeiner Biographie Bürgers citirt noch einen dritten Vers: Feins Liebchen, graut dir nicht? und fügt die Notiz hinzu: In The Monthly Magazine(September 1796) wird der ſeit Bürgers Tode in England ſo ſehr geprieſenen und ſo oft überſetzten Lenore die Originalität ſtreitig gemacht und behauptet, der Stoff dieſes Gedichtes ſei aus einer alten engliſchen Ballade, The Suffolk Miracle,