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„„Siehſt, Mutter, hier den Tränenkrug? Deine Tränen drin, gar ſchwer!
Mir viel zu ſchwer; blieb hinterm Zug, Drum, Mütterlein, weine nicht mehr!““
Das Kind entſchwand.„Will weinen nicht mehr“, So ſprach die Mutter ſtill.
„Weil dir das Krüglein gar ſo ſchwer,
Ich nicht mehr weinen will!“—
Wir müſſen in dieſem frommen Glauben unbedingt ein religiöſes Moment erblicken: der Menſch ſoll mit Ergebung in den Willen Gottes die Trennung von geliebten Weſen tragen—„mit Gott im Himmel had're nicht!“— ſonſt begeht er eine Verſündigung gegen das Walten der Vor⸗ ſehung, deren Wege uns freilich oft genug dunkel erſcheinen.
Bürger aber iſt hierbei nicht ſtehen geblieben; er hat das ethiſche Moment noch vertieft, indem er uns, mit der Sage eng verknüpft, zugleich das Bild der ſehnſüchtig hoffenden, der ver⸗ zweifelnden und der in Nacht und Grauſen endenden Liebe lebendig und ergreifend vor Augen führt.
Schon ſechs Jahre hat Lenore auf den Geliebten gewartet, der Schlaf flieht ihr Lager, ſchwere Träume ſchrecken ſie beim Frührot empor, ruhelos wandelt ſie umher. Da— welch liebliches Bild! mit Paukenſchlag und Jubelſang kehren die ſiegreichen Krieger heim.
„Und überall, allüberall,
Auf Wegen und auf Stegen,
Zog Alt und Jung mit Jubelſchall Den Kommenden entgegen.“
Voll Sehnſucht eilt auch ſie hinaus auf die von der jauchzenden, freudig bewegten Volksmenge erfüllte Landſtraße. Doch umſonſt— Wilhelm iſt nicht unter ihnen, keiner bringt ihr die gewünſchte Kunde, und Gruß und Kuß des heiß Erſehnten iſt für ſie verloren. Da bricht die Arme, von tiefem Schmerz erſchüttert, zuſammen. Vergebens ſucht die unglückliche Mutter ihr Kind zu tröſten. Mit Wilhelm iſt Lenoren alles genommen, ſelbſt der Glaube an Gottes Gnade und Barmherzigkeit, an ſeinen unerforſchlichen Ratſchluß. Ihre heißen Gebete ſind nicht erhört worden, Gott hat kein Erbarmen gehabt. Auch den Troſt des Sacraments weiſt ſie zurück, ſie verwünſcht den Tag ihrer Geburt, ihr ganzes Leben, ja, ſie verſchmäht ſelbſt die ewige Seligkeit und ſehnt ſich nur noch, in ewiger Vernichtung dahinzuſterben: 3„Liſch aus, mein Licht, auf ewig aus!
Stirb hin, ſtirb hin in Nacht und Graus!“
Tief erſchüttert wendet ſich die Mutter ab, ſie kann für ihr unglückliches Kind nur noch zu Gott beten. Nun iſt Lenore unerbittlich dem Dämon der Rache verfallen; der Frevel, den ſie heraufbeſchworen, erfüllt ſich furchtbar an ihr: ſie ſtirbt hin in„Nacht und Graus.“
So führt uns der Dichter zum letzten, zum ergreifendſten Teile ſeiner Ballade. Lenore wacht um Mitternacht noch in ihrer Kammer. Da iſt es ihr, als hörte ſie einen Reiter daherge⸗ ſprengt kommen, der vor ihrem Fenſter abſteigt, den Pfortenring zieht und ruft:„Schläfſt, Liebchen, oder wachſt du?“ Das muß Wilhelm ſein, der ſie zur Hochzeiz abholen will. Die Liebe klammert ſich ja ſo gern noch an den letzten Hoffnungsanker. Der Dichter deutet nur geheimnisvoll an: wir wiſſen anfangs nicht, iſt es ein Geiſt, oder iſt es wirklich der Geliebte. Liebend umfängt ihn Lenore mit ihren Lilienhänden, ſchwingt ſich glückſelig zu ihm aufs Roß und beginnt, an ſeine


