Aufsatz 
Über Bürgers Lenore
Entstehung
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6 Starb das Kindlein. Ach, die Mutter Saß am Tag und weinte, weinte, Saß zur Nacht und weinte.

Da erſcheint das Kindlein wieder

In dem Totenhemd, ſo blaß;

Sagt zur Mutter:Leg' dich nieder! Sieh, mein Hemdchen

Wird von deinen lieben Tränen Gar ſo naß,

Und ich kann nicht ſchlafen, Mutter.

Und das Kind verſchwindet wieder, Und die Mutter weint nicht mehr.

Noch rührender iſt die Geſchichte vom Tränenkrüglein, die Karl Julius Schröer in

recht ſinnig ſo wiedergibt:

Dein Kind, o Mütterlein, weine nicht! Die Englein führten es hin.

Was aber, wenn das Herze bricht, Kann tröſten den traurigen Sinn?

So jung ſie war, los hing ihr Har, Stumm war ihr bleicher Mund;

So ging ſie nächtlich zum Friedhof dar, Zum ſtillen Friedhofgrund.

Die Nacht wars vor Dreikönigstag, Gar ſchauerlich war die Nacht,

Das Mütterlein hatte mit ſtiller Klag' Am Friedhof zugebracht.

Da kam's vorüber wie im Flug, Eine weiße Frau voran,

Und hinter ihr ein Kinderzug, In Linnen angetan.

Und raſch hinüber über den Hag! Nur Eines blieb zurück.

Die Mutter eilt hin: im Arm ihr lag Ihr Kind, ihr einzig Glück!

Ach, wie ſo warm iſt Mutterarm!

Wie hielten ſie ſich feſt.

Mein Kind, wie biſt du, daß Gott erbarm! So ganz und gar durchnäßt!

Preßburg