Aufsatz 
Über Bürgers Lenore
Entstehung
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wird. Nachdem Bürger ſich während des Winterſemeſters 17631764 bei ſeinem Großvater in Aſchers⸗ leben privatiſirend aufgehalten hatte, kehrte er im Mai 1764 nach Halle zurück. Doch konnte er dem Studium der Theologie, zu dem ihn nach dem Tode ſeines Vaters ſein Großvater durchaus be⸗ ſtimmen wollte, durchaus keine Neigung abgewinnen; und wenn er auch einmal in einer Dorfkirche bei Halle predigte, ſo wandte er ſich doch mit beſonderer Vorliebe der Poeſie, Aeſthetik und Philologie zu. Leider wirkte der Umgang mit dem Geheimen Rat Klotz nachteilig auf ſeinen ſittlichen Charakter ein, ſo daß der Großvater ſich veranlaßt ſah, ſeinen Enkel von der Univerſität zurück zu rufen. Doch erlaubte er ihm von Oſtern 1768 an in Göttingen Jurisprudenz zu ſtudiren. Auch hier geriet Bürger auf Abwege und in Schulden, doch ſiegte ſein beſſerer Genius, und mit eiſernem Fleiße vervollſtändigte er, durch Privatunterricht ſein Leben friſtend, ſeine wiſſenſchaftliche Ausbildung. Allmählich verbreitete ſich Bürgers Ruhm in immer weiteren Kreiſen, ſo daß auch der freigebige Gleim, der Mäcen aller aufſtrebenden dichteriſchen Talente, ihn wiederholt unterſtützte. Im Jahre 1772 erhielt Bürger durch die Vermittelung Boies von den Herren von Uslar die Stelle eines Juſtizamtmanns zu Altengleichen im Fürſtentum Calenberg. Durch das ruhige Landleben wurde ſein poetiſches Talent ſichtbar gefördert, denn im Frühjahre und Sommer 1773 dichtete er ſeine Lenore, zu der wir nach dieſer verzeihlichen Abſchweifung jetzt zurückkehren.

Bürger war es, welcher der deutſchen Poeſie durch ſeine Lenore eine ganz neue Bahn eröffnete, indem von ihr eine ungleich poeſievollere und volkstümlichere Behandlung der Balladen ausging als bisher. Schon deshalb wird die Lenore in der Entwickelungsgeſchichte unſerer Poeſie immer unver⸗ geſſen bleiben. Mit dem Thema, worauf die Ballade baſirt, dem Wiedererſcheinen von Toten, berührte Bürger wie mit einem Zauberſtabe von neuem den friſchen Quell der Volksſage, deſſen Spuren wir bis ins graue Altertum hinein verfolgen können.

Nach dem Volksglauben nemlich findet der Abgeſchiedene nicht immer ſchon die ewige Ruhe, wenn er in die Gruft geſenkt iſt. Er erſcheint wieder, um im Leben begangene Freveltaten zu ſühnen oder die Ueberlebenden, die unrecht an ihm gehandelt, zur Buße aufzufordern. Sehr tief empfunden iſt hierbei der Glaube, daß übermäßige Tränen dem Toten im Grabe keine Ruhe laſſen, der den drei indogermaniſchen Stämmen, Indern, Perſern und Deutſchen gemeinſam iſt und ſich ſchon in den Liedern der alten Edda findet. Heinrich Pröhle hat in ſeinem ſchätzenswerten BucheG. A. Bürger. Sein Leben und ſeine Dichtungen, mit Recht darauf hingewieſen, daß die der Lenore zu Grunde liegende Sage heidniſchen Urſprungs ſei, und fährt dann folgendermaßen fort:Wenn ſie (die Sage nemlich) nach einer heidniſchen Vorſtellung den Tränen um Tote wehren will, ſo muß angenommen werden, daß es dem Heidentume damit auch der Toten wegen vollkommen Ernſt iſt und daß deren Fortdauer wirklich beunruhigt gedacht wird, ja, daß nur hieraus, nicht aus einer laxen Geſinnung, die Vorſtellung ſelbſt ſich gebildet hat. Das Schiff, auf dem die den Weltunter⸗ gang herbeiführenden Mächte anlangen, iſt, wenn ſein Name bisher richtig erklärt iſt, ganz aus Nägeln der Toten gemacht, womit das Heidentum vielleicht ſeinen Bekennern eine Sitte der Pietät, den Toten die Nägel zu beſchneiden, dringend empfehlen will, unter der Hindeutung, daß dadurch das Zuſtandekommen des Schiffes und ſomit der Weltuntergang noch in eine weitere Zeit hinaus geſchoben werden könne, als ohnehin durch ihre Abhängigkeit von dem mühſamen Aufbane eines ſolchen Schiffes der Fall ſein werde. Auf den eben erwähnten Glauben nehmen auch einige neuere Dichter Bezug: ſo hat Bauernfeld das anziehende Märchen vom Totenhemdchen in folgendem kleinen Gedicht behandelt, das auch von Schubert in Muſik geſetzt worden iſt: