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vor ſeinem Tode in ſehr dürftigen Verhältniſſen lebte, ſcheint ſich leider wenig um die Erziehung ſeiner Kinder gekümmert zu haben und überließ beſonders das Ueberhören des Penſums faſt gänzlich der Mutter, die bei vortrefflichen Anlagen doch gefühllos und ungebildet geweſen ſein ſoll. So mußte der kleine Bürger eine Zeit lang Tag für Tag in das benachbarte Predigerhaus zu Pansfelde wandern, wo er von dem Informator des Paſtors Kutzbach gemeinſam mit deſſen Kindern unter⸗ richtet wurde. Wenn ſomit der Knabe keine große Lernbegierde beſaß, ſo wurde er doch durch ein glückliches Gedächtnis bei dem Memoriren von Liedern und Bibelverſen unterſtützt. Ein Hang zur Einſamkeit ſcheint ſchon in ſeinem zehnten Jahre in ihm erwacht zu ſein. Wenigſtens ſchreibt Althof in ſeiner bekannten Biographie des Dichters:„Er liebte vorzüglich die freien, grünen und mit ſparſamem Buſchwerk bewachſenen Hügel, wo er jeden Buſch, jede Staude, jeden Diſtelkopf um ſich her beleben konnte. Das Grauſen, welches uns oft in der Einſamkeit, oder in der Dämmerung, wenn Tag und Nacht ſich ſcheiden, oder im Mondſcheine, oder in dunklen Wäldern ankommt, ver⸗ urſachte ihm eine ſehr angenehm erſchütternde Empfindung.“ Uebrigens iſt auch die Lage von Bürgers Geburtshaus eine recht einſame, in deſſen Umgebung der Knabe oft genug ſeinen Träumen nachgehangen haben wird. Sein poetiſches Talent regte ſich ſchon frühzeitig, und ſchon vor ſeinem zwölften Jahre machte er Verſe, die mindeſtens metriſch richtig gebaut waren, ohne dafür eine andere Anleitung gehabt zu haben als ſein natürliches Gefühl. Im Jahre 1759 kam Bürger nach Aſchersleben zu ſeinem Großvater, dem Hofesherrn Bauer, um die dortige lateiniſche Schule zu beſuchen. Auch hier machte ſeine wiſſenſchaftliche Ausbildung nur langſame Fortſchritte. Es mag deshalb an Neckereien ſeiner Mitſchüler nicht gefehlt haben; der zwölfjährige Knabe aber rächte ſich durch beißende Epigramme. Als er einſt durch eine ſolche Satire auf den ungeheuern Harbeutel eines eingebildeten Primaners allgemeines Gelächter hervorgerufen hatte, züchtigte ihn der Gereizte und ſpäter der Rector. Aurbach ſo derb, daß der Großvater ihn 1760 von der Schule wegnahm und auf das Pädagogium nach Halle brachte. Hier fand der angehende Poet an dem Inſpector Niemeyer einen ungleich milderen Richter und liebevolleren Pädagogen. Auch wurde jetzt die Vor⸗ trefflichkeit ſeiner Anlagen ſofort erkannt, wie denn ſchon ſein öfteres Auftreten bei dem Schulactus den Beweis lieferte, daß ihn ſeine Lehrer zu den begabteren Schülern zählten, obgleich ſeine ganze Erſcheinung unanſehnlich und ſein Geſundheitszuſtand kein normaler war, da er ſchon im Sommer 1761 an Blutauswurf litt. Bürgers Aufenthalt auf dem Pädagogium fiel in die drei letzten Jahre des ſiebenjährigen Krieges, und ſo hat der ſpätere Sänger der Lenore unzweifelhaft die Rückkehr des damals in Halle garniſonirenden bernburgiſchen Regiments mit angeſchaut und hierbei die Eindrücke in ſich aufgenommen, mit denen er in ſeinem Gedichte die Heimkehr der ſiegreichen Heere in ſo klaſſiſcher Form geſchildert hat:
„Und jedes Heer mit Sing und Sang,
Mit Paukenſchlag und Kling und Klang,
Geſchmückt mit grünen Reiſern,
Zog heim zu ſeinen Häuſern.“
Am 18. April 1763 feierte das Pädagogium das Dankfeſt des Hubertsburger Friedens und am 19. das fünfzigjährige Beſtehen der Anſtalt, woran ſich am 20. der gewöhnliche Ent⸗ laſſungsact ſchloß. Bürger dankte am erſten Tage in einer deutſchen Ode Gott für den wieder⸗ geſchenkten Frieden. Zuletzt trat er bei dem am 29. und 30. September 1763 abgehaltenen Examen auf und trug eine Ode vor, die„Chriſtus in Gethſemane“ zum Vorwurf hatte. Zu Bürgers Ehre ſei es geſagt, daß in den Schulacten nirgends eines von ihm begangenen Exceſſes erwähnt


