Meber Bürgers Lenore.
Wir beſitzen kein Gedicht, das bei ſeinem Erſcheinen mit größerer Bewunderung aufgenommen worden wäre, das ſchneller in allen Kreiſen der Geſellſchaft Eingang gefunden und ſo ſich den Weg zum Herzen des deutſchen Volkes gebahnt hätte, als Bürgers„Lenore“. Schon hundert Jahre ſind vergangen, ſeit dieſe Ballade im göttinger Muſenalmanach erſchien; im Fluge eilte ſie von Mund zu Mund, und noch heute gehört ſie zu unſern Lieblingsballaden, ja, ſie wird an Volks⸗ tümlichkeit von keiner Ballade Goethes oder Schillers übertroffen. Ueber keinen andern Dichter hat die Mit⸗ und Nachwelt ſchonungsloſer zu Gericht geſeſſen, als über den unglücklichen Bürger, der doch ſchwer genug für alle Verirrungen ſchon bei Lebzeiten büßte und, ſein Dichterlos tief beklagend, ausrief:„Meiner Palmen Keime ſtarben, eines mildern Lenzes wert“ Nicht wenig zu der ungerechten Beurteilung Bürgers hat entſchieden die ungünſtige, wenn auch in manchen Punkten gerechte Recenſion Schillers beigetragen, die dieſer ſeinen Gedichten angedeihen ließ.*) Aber gerade bei Bürger wird die Schuld gemildert durch die unglücklichen Lebensverhältniſſe, in welchen der Dichter ſein freude⸗ loſes Daſein verbrachte. Erſt neuerdings iſt man bemüht geweſen, auch dem Sänger der Lenore gerechter zu werden: Adolf Strodtmanns demnächſt erſcheinende Biographie Bürgers wird uns in den Stand ſetzen, über vieles milder und nachſichtiger urteilen zu können, als dieß bisher geſchah. Möge vorläufig wenigſtens ein Teil dieſer Anerkennung dem Dichter geſpendet werden, indem wir ſeiner unſterblichen Lenore gedenken.
In pädagogiſcher Hinſicht dürfte es nicht ohne Intereſſe ſein, vorher einen Blick auf die geiſtige Entwickelung Bürgers zu werfen. Unſer Dichter, Gottfried Auguſt Bürger, wurde am 31. December 1747 im Pfarrhauſe zu Molmerswende(nicht Wolmerswende), in der Grafſchaft Falkenſtein, zwei Stunden von der im Unterharze, im reizenden Selketale noch jetzt exiſtirenden Burg Falkenſtein geboren. Nach den übereinſtimmenden Nachrichten ſeiner Biographen gedieh Bürger nur langſam an Leib und Geiſt, ſo daß er bis zum zehnten Jahre faſt nur deutſch leſen und ſchreiben lernte und beſonders im Lateiniſchen ſehr geringe Fortſchritte machte. Sein Vater, der bis kurz
*) Vgl. Koberſtein, Grundriß III S. 2636 Anm.„Schillers Recenſion von Bürgers Gedichten war, obgleich nicht ſchlechthin ungerecht, doch im ganzen zu ſtreng und zu ſehr von einem idealiſtiſchen Standpunkte aus geſchrieben; dabei mußte ſie beſonders dadurch verletzen, daß ſie in die Beurteilung der Leiſtungen des Dichters zu ſehr die Be⸗ urteilung ſeiner geiſtigen und ſittlichen Perſönlichkeit hineinzog.“


