Aufsatz 
Ueber den relativen Wert der homerischen Gleichnisse / von H. Frommann
Entstehung
Einzelbild herunterladen

25

zahlreich als ſchön ſind diejenigen Gleichniſſe, durch die Vorgänge des Gemüts⸗ und Gedankenlebens ver⸗ ſinnlicht werden. Zu der Trägerin ihrer Liebesbotſchaft an Sal ſagt Rudabe: Wenn Dir die Liſt gelingt, So iſt ein Baum gepflanzt, der Früchte bringt, Rubinen werden an den Zweigen ſprießen, Und Klugheit wird die Freudenfrucht genießen.

Ueber den Haß äußert ſich der milde Iredſch, als er aufgefordert wird, ſeinen neidiſchen Brüdern entgegenzutreten: Was ſollen wir den Baum des Haſſes ſäen, Der in dein blut'gen Boden Wurzel ſchlägt Und mit der Zeit die Frucht der Rache trägt? Den Afraſiab, der den gefangenen Biſchen hinrichten laſſen will, beſchwichtigt der weiſe Piran durch Hinweiſung auf die drohende Rache der Iranier mit den Worten: Das Unheil ſchläft, denkſt Du es aufzurütteln Und von dem Leidensbaum die Frucht zu ſchütteln? Vor den Ränken der Sudabe wird Kai Kawus alſo gewarnt:

Niemals entquillt ein Trank, der Dich erfriſcht, Dem Glas, in dem die Bosheit Gift gemiſcht.

DenGurt der Thaten ſchlingt ſich Sal um den Leib und zieht, als die Mobeds ihm die oben erwähnten Rätſel vorlegen, dasSchwert der Löſung aus der Scheide.

Das Hirn des jähzornigen Kai Kawus gleicht einem Feuerheerde, er flammt auf wie Feuer im Röhricht, dagegen das Herz des frommen Herrſchers wird Gott vor ſchändlichen Gelüſten mit Weisheitwie mit einem Panzer rüſten.

Dem Tus, deſſen Uebereilung den Tod des Firud verſchuldet, ruft der alte Guders zu:

Verſtand und Muth ſind dem, der zornig iſt, Gleich einer Klinge, die der Roſt zerfrißt. Derſelbe Gedanke, daß die beſten Gaben durch Unbeſonnenheit ihren Wernh verlieren, wird an einer andern Stelle ſo ausgedrückt: Und ob von ſeiner Zunge auch ein Regen Von Perlen fließt, es iſt dabei kein Segen. Unter den ſegensloſen Worten giebt es bekanntlich leider viele, die nur wenig den Perlen gleichen und ebenſo langweilig wie vergeblich ſind; von denen heißt es:. Ein Wort, in dem man Sinn vergebens ſucht, Gleicht einem Baume ſonder Duft und Frucht.

Dgaggegen der Wert des ausgeſprochenen Wortes im Gegenſatz zu dem Unheil, das durch Ver⸗ heimlichung angerichtet werden kann, wird geſchildert an der Stelle, wo Sohrab umſonſt ſich bemüht, aus dem gefangenen Hedſchir herauszupreſſen, welches der iraniſchen Zelte den Ruſtem berge:

Es gleicht ein Wort, bevor es ausgeſprochen, Der Perle, aus der Muſchel nicht gebrochen, Doch nimm die Perle aus der Schale fort, Sie macht dich reich wie ein geſprochnes Wort.