Aufsatz 
Ueber den relativen Wert der homerischen Gleichnisse / von H. Frommann
Entstehung
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ihm die beſtimmte Richtung giebt nach dem Geſtade zu, wo es dann am widerſtehenden Felſen den weißen Giſcht emporſpritzen läßt, das Seegras an den Strand wirft und das ausſtrömende Waſſer der Flußmündung zurücktreibt. Nur mit knapper Noth rettet ſich die Mannſchaft des überfluteten Schiffes an das will⸗ kommene Ufer; endlich beruhigt ſich der Sturm der Elemente, Höhen und Thäler, Land und Meer treten wieder klar hervor aus dem gelichteten Dunkel des zerteilten Wolkenſchleiers; und wenn die ambroſiſche Nacht auf⸗ zieht, kann ſie mit ihren tauſend Lichtern herabſehn auf den wiederhergeſtellten Frieden der Natur.

Werfen wir nun zum Schluß noch einen vergleichenden Blick auf Zahl und Beſchaffenheit der Gleichniſſe des deutſchen und iraniſchen Heldenliedes, ſo fällt zunächſt dem homeriſchen Reichtum gegenüber ſehr beſchämend in die Augen die Armut unſeres vaterländiſchen Nationelepos; den etwa 250 ‚laich niſſen der Ilias ſtellt das Nibelungenlied kaum ein Dutzend zur Seite.

Dreimal wird der Löwe benutzt zur Bezeichnung heldenmäßiger Erſcheinung oder kräftiger Stimm⸗ begabung. So laufen Siegfried und Alberich nach dem Berg, in dem der Nibelungenhort liegtalsam die lewen wilde(Strophe 98 der Lachmann'ſchen Ausgabe); ähnlich ſtürzt Wolfhart in den Kampf mit den Burgundern, 2210. Etzels Jammer um ſeine erſchlagenen Helden ertöntals eines lewen stimme, 2171 Im Wettlauf nach dem Brunnen ſpringen Gunther und Hagen durch den Klee sam zwei wildiu pantel, 917; von Dankwart, der ſich allein durch Blödels Mannen durchſchlägt nach dem Bankettſaal, heißt es str. 1883:

gie er vor den vinden alsam ein eberswin Ze walde tuot vor hunden! cf. 1938.

Das vor der Thür ſitzende Heldenpaar Hagen und Volker wird von den Hunnen angeglotzt alsam tier diu wilden, 1700.

Der Wind, der von Homer und Firduſi ſo häufig als Bild ſtürmender Gewalt gebraucht wird, erſcheint in den Gleichniſſen des Nibelungenliedes nur als Bezeichnung der Nichtigkeit; Aeußerungen der Heldenkraft, 227 2217, der Milde, 1312, des Reichtum's, 779, ſind ein Wind im Vergleich zu größeren derſelben Gattung.

Höheren poetiſchen Wert haben die Vergleiche körperlicher, namentlich weiblicher Schönheit mit der Wirkuug elementarer Lichteffekte. So tritt Krimhildalso der morgenrôt tuet üz trueben wolken in der Helden Kreis, 280 und ſteht unter ihrer Umgebung

Sam der lichte mâne vor den sternen staàt, der schin lüterliche ab den wolken gàt, 282, ef. 760

Einen weniger hohen Begriff von Siegfrieds Schönheit als die Vergleichung mit dem Monde giebt uns die mit einem Produkte mittelalterlicher Malerei:

Sam er entworfen waere an ein permint, 285.

Damit iſt der ganze Gleichnißreichtum des Nibelungenliedes erſchöpft.

Dagegen ſpiegeln ſich Fülle und Glanz der orientaliſchen Natur auch in den Gleichniſſen des Schah Nameh. Zahllos ſind die Bilder nicht nur für Heldenkraft und Frauenſchönheit, ſondern auch namentlich für die Aeußerungen des Gemütslebens und der Gedankenwelt. Ausartungen der Phantaſie in das Unge⸗ heuerliche und Abſonderliche fehlen zwar nicht, ſind aber verhältnißmäßig wenig zahlreich und meiſt be⸗ gründet in der Fruchtbarkeit der ſüdlichen Natur. Doch in Einer Art von Gleichniſſen ſteht Firduſi hinter Homer zurück, wenn ich nach den von Schack überſetzten Stücken des Königsbuches urtheilen darf; dies ſind die ausgeführten Jagd⸗ und Landſchaftsbilder, in denen ſich wie geſagt die überlegene plaſtiſche Ge⸗ ſtaltungskraft des Hellenen offenbart, während durch die maleriſche Farbenpracht der Beſchreibungen ſich