Aufsatz 
Ueber den relativen Wert der homerischen Gleichnisse / von H. Frommann
Entstehung
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wird das Gleichniß durch Hinzufügung eines zweiten Zuges, zumal wenn die Ähnlichkeit ſich auf dieſen gleichfalls bezieht; ſo wird die Rüſtung des zum Entſcheidungskampf heranrückenden Achilles mit dem verderblichen Hundsſtern(X 26), Hektor, der den Seinen bald im Vordertreffen, bald bei der Nachhut Hülfe bringt, einem Stern verglichen, den die Wolken bald verdecken, bald frei laſſen(A 62). Ähnlich heißt es im Firduſi von der hohen Geſtalt des Schah Feridun, deſſen Haupt mit ſtrahlender Krone ge⸗ ſchmückt iſt, ſie ſehe dermondſchein⸗überglänzten Ceder gleich.

Auf mehr als zwei Punkte dürfte das tertium ſich aber kaum jemals beziehen, jeder weitere Zug entfernt das Gleichniß vom verglichenen Gegenſtand, macht es indeß zugleich um ſo wirkungsvoller als⸗ poetiſches Gemälde für ſich. So hat der vom Geſang des Demodokos gerührte Odyſſeus(d 523) mit dem von feindlichen Kriegern gemißhandelten Weibe, das ſich über den gemordeten Gatten ſtürzt, nichts gemein als die Trauer um teure Angehörige; das auf den Strand geworfene Seegras vervollſtändigt weſentlich das Bild des aufgeregten Meeres, zu dem Gemüthszuſtand der Achaeer hat es aber keine direkte Beziehung(I 4); nur die wilde Kampfluſt iſt es, die den Achilles dem Löwen gleichſtellt, während der die Weichen peitſchende Schweif und der vor den Rachen tretende Schaum dem letzteren allein gehört (T 164), und ſo in hundert andern Fällen. Gerade auf dieſen ſelbſtſtändig und ohne weitere Rückſicht auf das tertium ausgeführten Gemälden aber, beſonders den Jagd⸗ und Landſchaftsbildern, beruht ein eigen⸗ tümlicher Vorzug, der das homeriſche Epos auszeichnet vor dem verwandter Nationen, und auch dieſer Umſtand bezeugt die überlegene plaſtiſche Energie der helleniſchen Einbildungskraft.

Fragen wir nun, welchen Zweck erfüllen, oder wenn es vermeſſen iſt, vom Zweck der ſchaffenden Phantaſie zu ſprechen, welche Wirkung erreichen die Gleichniſſe, welchen Anteil haben ſie an der Geſammtwirkung des helle⸗ niſchen Heldenliedes, ſo dürfte, wenn wir von dem erwähnten ſekundären Werte der durch ſie dem Geiſte des Hörer's oder Leſer's verſchafften wohlthätigen Abwechslung und Beruhigung abſehn, wenn wir ferner bedenken, daß von einer Veranſchaulichung des an ſich weniger Anſchaulichen, von einer Belebung des Unbelebten, wie geſagt, nicht wohl die Rede ſein kann, wenn endlich die Aehnlichkeit der verglichenen Gegenſtände oft nur im Allgemeinſten zutrifft, manchmal auch fraglich iſt, ſo dürfte, ſage ich, die Bedeutung der Gleichniſſe weſentlich darin beſtehn, daß ſie das große Bild des Leben's, welches uns aus der Haupthandlung entgegentritt, durch eine lange Reihe kleiner, aber lebendig ausgeführter Randgemälde vervollſtändigen. Eine andere, epiſodiſch eingefügte, kürzere aber in ſich geſchloſſene Schilderung des Leben's der homeriſchen Zeit giebt uns bekanntlich der achilleiſche Schild. Wie uns hier ein auf engem Raum zuſammengedrängtes Bild des Leben's der Elemente, Tiere und Menſchen erfreut und den Eindruck der Haupthandlung ergänzt, ſo läßt ſich ein ähnliches auch aus den über das ganze Gedicht zerſtreuten Gleichniſſen zuſammenſetzen.

Da ſehen wir den Menſchen in ſeinen erſten hülfloſen Anfängen, wie die liebende Mutter von ihm die ſtörenden Fliegen verſcheucht, wie er dann unbeholfene Verſuche macht, ſelbſtändig aufzutreten, ſchnell aber wieder nach dem Kleide der mütterlichen Beſchützerin greift und ihn aufzunehmen unter Thränen ſie anfleht; bald wird er kühner und ſpielt mit ſeinen kleinen Kameraden im Sande des Ufers, die ſelbſt⸗ gebauten Häuſer immer wieder einreißend und damit ahnungslos ein Bild des Treibens der erwachſenen Welt darſtellend, in der er demnächſt ſelbſt eine Rolle ſpielen ſoll; oder aber er läßt den Kreiſel tanzen; iſt er von mutwilligem Temperament, ſo ſtört er in ein Weſpenneſt, macht ſich aus dem Staube und überläßt den vorübergehenden Wanderer dem Stachel der gereizten Tiere; beſſer geartete Buben, die ſich nützlich machen wollen, ſuchen vergeblich durch ihre kraftloſen Stockſchläge den dickfelligen Eſel aus dem Getreidefeld zu verſcheuchen.