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zwar nicht ſelten ohne Beziehung auf die jedesmalige Situation, doch kaum ſo im Widerſpruch mit derſelben, wie an obiger Stelle; die Incongruenz wird auch nicht beſeitigt, wenn wir das Hauptgewicht auf dof legen, auf das ſchnelle Hereinbrechen.— Die Erklärung dafür, wie ein Mohnkopf, mit dem das ſinkende Haupt des fallenden Helden verglichen wird, 6 306, zugleich von der Frucht und vom Frühlingsregen be⸗ ſchwert werden kann, geht mehr den naturwiſſenſchaftlichen als den äſthetiſchen Kritiker an.
Die vor Ares zurückweichenden und deßhalb von Here als feig geſcholtenen Krieger werden mit Löwen und Ebern von unverwüſttlicher Kraft gleichgeſtellt, E 782.
Dem Odyſſeus bellt das Herz vor Grimm über den eben bemerkten Uebermuth der mit den Freiern verbundenen Mägde, ſowie die Hündin den unbekannten Mann anbellt, der ihren Jungen genaht iſt, o 14.
Der ſchnellen Aufeinanderfolge wegen werden die Seufzer des Agamemnoen mit den Blitzen des Zeus verglichen, K 5, obwohl es zur Natur des Seufzers gehört, ſich ſchmerzlich aus der Tiefe des Herzens emporzuringen, wozu mehr Zeit erforderlich iſt als zu der plötzlichen Erſcheinung des ſchnell zuckenden Blitzes. Einen eigenthümlichen Beweis dafür, wie ſeltſam ſich zuweilen aus übertriebenen Anſprüchen an das tertium die Interpretationskunſt zu Gunſten des Dichters abplagt, liefert Düntzer's Ueberſetzung von sirévsrat 06 s Taν, II 163. Da nemlich die Myrmidonen noch keine Gelegenheit gehabt haben, ihre Kampfluſt zu befriedigen, ſo ſollen auch die mit ihnen in Vergleichung geſtellten Wölfe wenigſtens nicht ganz ſatt geworden ſein von dem zerriſſenen Hirſch und obige Worte bedeuten:„Ihr Magen knurrt immer noch.“ Leider erfahren wir nicht, wie viel Wölfe beteiligt waren und wie weit alſo der eine Hirſch für ſie ausreichen konnte; doch pflegt das 2b 1eda ſonſt eine Aeußerung des geſättigten Magens zu ſein; und endlich paßt eine halbe Sättigung ſo wenig wie eine ganze zum nüchteren Zuſtand der Myrmidonen.
Wir werden uns alſo damit begnügen müſſen, die Kampfluſt der Myrmidonen mit der Mordgier der zur Hirſchjagd ausbrechenden Wölfe verglichen zu ſehen, die weitere Ausführung aber des lebendigen Gemäldes dieſer Jagd als ein opus supererogationis dankbar in Kauf nehmen.— Einen dritten Grund des Anſtoßes bildet für manche Erklärer die Verſchiedenartigkeit mehrerer auf denſelben Gegenſtand bezogener Bilder; ſo wird der fallende Sarpedon mit einer Fichte, einer Silberpappel, einer Eiche und einem unter den Pranken des Löwen verendenden Stier verglichen, II 482, Agamemnon in Beziehung auf verſchiedene Körpertheile mit Zeus, Poſeidon und Ares, B 478; die Troer mit den die Wellen aufregenden Winden und den Wellen ſelbſt, N 795; der Zorn mit ſüß niederträufelndem Honig und Rauch, 2 110, die im Glanz ihrer Rüſtungen kampfbegierig anrückenden Achamer mit einem Waldbrand, einem Schwarm von Kranichen, gierigen Fliegen, Blättern des Waldes und vom Hirten geordneten Heerden B 455— 483.
Gerade dieſe Gruppe von Gleichniſſen aber iſt ebenſo wohl ein Zeugniß für den ordnenden Ver⸗ ſtand des Dichters, wie für die Fülle ſeiner Phantaſie, da die einzelnen Bilder beſondere Phaſen der Hand⸗ lung des nach dem Kampfplatz ziehenden, dort ſich ſammelnden und endlich geordneten Heeres entſprechen; nur bleibt die Vorſtellung des réôaαα, V. 472, falls, wie Koch will, die Kampfgier das tertium des vierten Gleichniſſes ſein ſoll, was des vorausgehenden wegen ſich allerdings empfiehlt, immerhin auf den erſten Blick ſtörend, iſt aber von untergeordneter Bedeutung. Die zweite Gruppe von fünf auf einanderfolgenden Gleichniſſen ſteht bekanntlich am Schluß des ſiebzehnten Geſanges; und es iſt wohl ſchwerlich ein Zufall, daß jene gerade da eingefügt iſt, wo die Heere nach Achill's Zurücktreten vom Kampf zum erſten Mal auf ein⸗ ander zu treffen im Begriff ſind, dieſe aber unmittelbar vor dem achtzehnten Geſang ſich befindet, in welchem der Hauptheld der Teilnahme am Kampf ſich wieder zuwendet.
So dient ſelbſt die Häufung der Bilder, die in andern Gedichten zuweilen einen verwirrenden Eindruck hervorbringt und als fehlerhaft bezeichnet werden kann, in Bezug auf jene beiden Gleichnißgruppen zur Erhöhung des Eindrucks künſtleriſcher Ordnung.


