Aufsatz 
Ueber den relativen Wert der homerischen Gleichnisse / von H. Frommann
Entstehung
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Müſſen wir daher im Allgemeinen zunächſt einerſeits zugeben, daß hohe und höchſte Wirkungen der epiſchen Poeſie auch ohne Gleichniſſe erreicht worden ſind, ſo wird der wohlthuende Eindruck derſelben an gewiſſen Stellen ebenſo wenig geleugnet werden können, auch wenn wir von dem ihnen eigenthümlichen poetiſchen Werte einſtweilen abſehn. Was nun den verſchiedenen Wert der einzelnen Gleichniſſe angeht, ſo mag mancher Tadel begründet ſein in der willkürlichen Anlegung eines unberechtigten Maßſtabes, aber auch manche Verteidigung der Gefahr ſich ausgeſetzt ſehn, die dem großen Dichter zudedanhten Ritterdienſte einem untergeordneten Interpolator erwieſen zu haben.

Die meiſten der gemachten Ausſtellungen laſſen ſich zurückführen auf Verletzung des Schönheits⸗ ſinnes, Unklarheit des tertium oder Häufung der Gleichniſſe, wozu dann noch einige nebenſächliche Be⸗ denken grammatiſcher Art ſich geſellen.

Für den Schönheitsſinn verletzend, ohne daß zu Gunſten der Veranſchaulichung etwas Weſentliches erreicht wurde, darf es angeſehen werden, wenn ein gefallener Held mit dem Regenwurmus verglichen wird, N 654. Zwar iſt die äſthetiſche Empfindlichkeit gegen ekelerregende Thierarten nach Individualität, Volk und Zeitalter ſehr verſchieden, doch kann man's Niemandem verübeln, wenn er dem Geſchlechte der Würmer lieber in zoologiſchen Abhandlungen als in den Werken der Dichter begegnet.

P 389 wird der von Troern und Achaeern umſtrittene Leichnam des Patroklus mit einem Fell verglichen, welches die Gehülfen des Gerbers im Kreiſe herumziehn, damit die Feuchtigkeit des tränkenden Fettes in das harte Leder eindringe. Auch hier iſt das Unangenehme der Anſchauung nicht gerade durch die Genauigkeit des Bildes entſchuldigt. Denn die Leiche des Patroklus wird doch wohl mehr nach zwei verſchiedenen Seuen gezogen als im Kreiſe herumgedreht, und außerdem iſt die Vergleichung eines voll⸗ ſtändigen, wenn auch toten Körpers mit einem abgezogenen Fell einigermaßen gewagt. Die Zuſammenſtellung des im Bette ſich gedankenvoll herumwälzenden Odyſſeus mit einem bratwurſtähnlichen Gegenſtand, 0 25, wobei ein komiſcher Effekt weder beabſichtigt ſein kann, noch hervorgebracht wird, hätte Klotzen zwar kein Recht, aber doch etwas beſſere Veranlaſſung gegeben zu ſeinen Deklamationen über die Würde des Epos als die humoriſtiſche Abfertigung des Therſites im zweiten Buche der Ilias. Anſtatt derentwegen den Dichter zu hofmeiſtern, hätte er lieber von ihm wie von Shakespeare, Plato und Andern lernen ſollen, wie gut ſich der Humor verträgt mit der Majeſtät des ſittlichen Ernſtes und dem höchſten Schwunge der Phantaſie.

Damit dürfte das in den Gleichniſſen für das Schönheitsgefühl wirklich Verletzende erſchöpft ſein, und da es dem Unverfänglichen und Schönen gegenüber in ſo verſchwindender Minorität auftritt, iſt es als Ausnahme eher ein Beweis für die Feinfühligkeit des Dichters als für das Gegenteil, zumal derſelbe viel weiteren Spielraum im Gebrauche des Häßlichen hat als der bildende Künſtler und wir der Naivetät des homeriſchen Zeitalters etwas zu Gute halten können.

Was nun zweitens die gegen das tertium comparationis erhobenen Bedenken betrifft, ſo wird man bei ausgeführten Gleichniſſen vernünftiger Weiſe nicht verlangen können, daß es bis in die einzelnen Züge hinein verfolgt werden könne; eine ſo genaue Uebereinſtimmung iſt ohne Schädigung der lebendigen Cha⸗ rakteriſtik unmöglich; es ſollen im Folgenden nur ſolche Beiſpiele angeführt werden, bei denen die mangelnde Uebereinſtimmung von Gleichniß und Verglichenem auch dem unbefangenen Beobachter in die Augen ſpringt.

M, 463: Der ſtrahlende Hektor ſetzt der Nacht vergleichbar in das geöffnete Thor; die Ueberſetzung ruhmvoll umgeht den Widerſpruch mehr als ſie ihn beſeitigt; Koch erkennt in ſeiner Ausgabe der Ilias das tertium in dem Unheimlichen von Hektor's Erſcheinung; aber die Nacht iſt um ſo unheimlicher, je unkler ſie hereinbricht; und je dunkler ſie iſt, deſto mehr widerſpricht ſie demαiεννος; die Beiwörter ſtehen,