Aufsatz 
Ueber den relativen Wert der homerischen Gleichnisse / von H. Frommann
Entstehung
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Ueber den relativen Wert der homeriſchen Gleichniſſe.

Seit Leſſing's und Herder's Tagen ſteht die Ueberzeugung von dem Werte der homeriſchen und ſhakespeariſchen Poeſie ſo feſt, daß ein Tadel, der das Einzelne betrifft, wohl kaum, um den Vorwurf der Mangels an Pietät oder Verſtändniß zu vermeiden, einer einleitenden Ehrenerklärung bedarf. Was be⸗ ſonders die homeriſchen Gleichniſſe angeht, ſo hat ſchwerlich unter alten und neuen Kunſtrichtern je ein Zweifel darüber beſtanden, daß ſie zwar einerſeits im großen Ganzen die Erzeugniſſe einer ebenſo reichen wie klaren Phantaſie, daß aber andererſeits ihr poetiſcher Wert im Einzelnen ſehr verſchieden und manche überhaupt nur von geringem Werte ſeien. Nicht leicht jedoch iſt es, einen einheitlichen Gradmeſſer zur Be⸗ urteilung dieſes Wertes zu finden. Je nachdem man zum Kriterium nahm die Zurückführung des weniger Anſchaulichen auf ein Anſchaulicheres, des Lebloſen auf ein Lebendiges, die mehr oder weniger durchge⸗ führte Ausmalung der Gleichniſſe bis in die einzelnen Züge hinein, das genaue Zuſammenpaſſen der ver⸗ glichenen Gegenſtände und Situationen, die Schönheit oder Häßlichkeit des Bildes nach allen dieſen ſich vielfach kreuzenden Geſichtspunkten mußte das Urtheil über daſſelbe Gleichniß oft ſehr verſchieden ausfallen.

Hinſichtlich der Stellung, die der Dichter ſelbſt den Gleichniſſen überhaupt angewieſen unter den Kunſtmitteln ſeiner Poeſie, könnte uns zunächſt die Thatſache etwas bedenklich ſtimmen, daß manche der wirkungsvollſten Geſänge der Ilias, z. B. der erſte, der ſechſte, neunte und vierundzwanzigſte ſehr ſpärlich mit Gleichniſſen ansgeſtattet ſind, der erſte Geſang enthält gar kein einigermaßen ausgeführtes, der ſechſte zwei, der neunte vier, der vierundzwanzigſte ſechs; wenigſtens dürfen wir aus dem erwähnten Umſtand wohl den Schluß ziehn, der Dichter habe, wo er mit einfacheren Mitteln die höchſte Wirkung hervorbringen konnte, auf eine ausgiebige Anwendung der Gleichniſſe verzichtet, wie häufig Shakespeare mit den einfachſten Worte mehr wirkt als anderwärts mit den kühnſten Bildern ſeiner fruchtbaren Einbildungskraft. Da nun ferner die am reichlichſten mit Gleichniſſen ausgeſtatteten Geſänge, der fünfte, elfte, dreizehnte, fünfzehnte, ſechszehnte und ſiebenzehnte, jeder enthält deren im Durchſchnitt gegen zwanzig, vor allen andern mit Kampfſcenen erfüllt ſind, deren ununterbrochene Erzählung den Hörer oder Leſer ermüden konnte, ſo erhalten wir ſchon durch dieſe einfache arithmetiſche Betrachtung einen hohen Begriff von der weiſen Oekonomie, mit der Homer im Ge⸗ brauche der ihm zu Gebote ſtehenden Kunſtmittel verfahren iſt. Und wie uns in jenen Geſängen der Ilias die zahlreichen Gleichniſſe einen willkommenen Ruhepunkt gewähren in dem betäubenden Getümmel der Kampfesſeenen, ſo wird umgekehrt in der Odyſſen der ſtillere Fluß der Erzählung öfter durch die Gleich⸗ niſſe belebt.

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