Aufsatz 
Lateinisch und Deutsch. Sprachvergleichende Beobachtungen auf dem Gebiete des ästhetischen Geschmacks
Entstehung
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Zu der Eigenſchaft, welche wir oben als äſthetiſche Naivität bezeichneten gegen⸗ über den gebildeteren Anſtandsgefühlen unſerer Culturperiode, gehört ferner auch eine gewiſſe urſprüngliche, zuweilen faſt roh zu nennende Naturkraft, wie ſie im Gebrauch mancher Verba zu Tage tritt, welche wir in der Ueberſetzung durch zartere Wendungen erſetzen müſſen.

Was zunächſt die Thätigkeit der Füße betrifft, ſo fällt uns, um mit dem Gröb⸗ ſten anzufangen, zunächſt der tropiſche Gebrauch des Wortes

Calcare

und ſeiner Compoſita auf. Z. B. in dem Satz firmissima quaeque memoriae ju- dicis inculcare(Quint. Inſt VI, 4,5) würde inculcare unſerem Einprägen entſpre⸗ chen, was noch einen wenn auch ſchwachen Anklang an die gewaltſame Grundbedeu⸗ tung des lateiniſchen Wortes enthält. Cf. Cic. de nat. deor. I, 108: Imagines animis inculcatis. Noch ſchwächer erſcheint als Ueberſetzung des inculcare unſer Aufdrängen, das wir anwenden müſſen bei folgender Stelle: Inculcant se auribus nostris(Cic. de ev. II, 19). Ja zuweilen ſteht das genannte Wort für unſer bloßes Einflechten oder Einfügen in den Zuſammenhang einer Rede, z. B.: Graeca verba ineulcantes(Cic. Att. I, m.), inculcare fatum.(Cic. De tato 6).

Dem calcare ähnlich iſt von Horaz in der vierten Ode des erſten Buches das quatere pede gebraucht. Die Römer müſſen ſich unter den Grazien zienlich ſolide Schönheiten vorgeſtellt haben, wenn der geſchmackvolle erſte Lyriker des auguſ⸗ teiſchen Zeitalters von ihnen ungeſtraft ſagen durfte, daß ſie den Boden ſtampfen, anſtatt ſie darüber hinſchweben zu laſſen. Aehnlich äußert ſich auch Ovid einmal von weiblichen Perſönlichkeiten ungalanter Weiſe: Presserunt pede suo litora. Häu⸗ fig braucht der Lateiner die Verba

Salire und Currere

da wo wir in der Ueberſetzung eine gelindere Bewegung ſubſtituiren müſſen.

So ſpringen bei Martial die Thränen hervor, was doch eine bedeutend ſtärkere und nicht gerade ſchönere Perſonifikation enthält als unſer mit dem Lateiner gemein⸗ ſchaftliches Hervorbrechen. Frntices in altitudinem prosiliunt ſagt Columella VII, 6 für unſer viel Schwächeres: Die Stauden erheben ſich, ſproſſen auf. Aehnlich heißt es bei Lukrez I, 188: E terra exorta repente arbusta salirent. Befremdend für unſer Gefühl iſt auch die Verbindung des Prädikates exilire mit lumen(Lucr. VI, 163) ignes(Ovid. Met. VI 696, fulmen Propert. II, 16, 50.) Einem modernen Autor würde es kaum geſtattet ſein, die Blitze ſpringen zu laſſen.

Den Beginn der friedlichen Thätigkeit des Sänger's bezeichnet Horaz mit dem ſtarken Ausdruck: Nunquam nisi potus ad arma prosiluit dicenda: Er ſchritt zur Beſie⸗ gung der Kriegsthaten. Aehnlich Seneca ep. XI, 3: Resiliamus ab illa fortuna, wir wollen uns abwenden nec desilies imitator in artum(Hor. ars poet 139), du wirſt in die Klemme gerathen.