Aufsatz 
Lateinisch und Deutsch. Sprachvergleichende Beobachtungen auf dem Gebiete des ästhetischen Geschmacks
Entstehung
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daß die bedingte Allgemeinheit, welche wir dem Geſchmack oben vindirirten, durch die Eigenthümlichkeit des Nationalcharakters beträchtlich modificirt wird.

Unter äſthetiſcher Naivetät verſtehe ich zunächſt die Ungenirtheit, mit welcher der Lateiner gewiſſe körperliche Funktionen, die der appetitlichere Deutſche in anſtändiger Geſellſchaft zu vermeiden ſucht, auf geiſtige Thätigkeiten überträgt.

Zu dieſen Funktionen des natürlichen Menſchen, die in einer unſern Geſchmack verletzenden Weiſe auf intellektuelle und moraliſche Verhältniſſe übertragen werden, gehört unter andern das Ausſpucken. Zunächſt ſehen wir das Verbum

Respuere als Symbol leidenſchaftlicher Reaktion gegen mißliebige Beeinfluſſung ſeitens der Außenwelt vom Mund auf das Ohr übertragen, als dasjenige Sinnesorgan, welches am ſchutzloſeſten der Zudringlichkeit des Weltgeräuſches ausgeſetzt iſt.

So ſchleudert Cicero in der Rede gegen Piſo ſeinen Gegnern die Behauptung entgegen: Nemo est qui vos non oculis fugiat, auribus respuat, animo asperne- tur. An einer andern Stelle heißt es bei demſelben Autor: Quod respuunt aures, immutandum est. Was das Ohr beleidigt, muß geändert werden. So etwa würden wir weniger grob, aber allerdings auch farbloſer die Worte des nach römiſchen Be⸗ griffen eleganten Stiliſten wiederzugeben haben. Aehnlich ſchreibt derſelbe einmal an Attikus in voreiliger Freude über die Nachricht, daß Cäſar's Siegeslauf unterbrochen ſei: Caesaris interdicta respuuntur.

Wie wirklichen Perſonen wird das Ausſpucken als kräftiges Sinnbild der Ver⸗ achtung auch perſonifinicirten Begriffen beigelegt. In Seneka's Briefen ſpuckt der Staat den Cato aus; die Natur, Tugend, ja ſelbſt die Philoſophie ſchämt ſich nicht dieſer mehr plaſtiſchen als appetitlichen, und in ſo fern echt klaſſiſchen Kraftäußerung. So heißt es z. B. von der Königin der Wiſſenſchaften§. E. XI, 1: Philosophia- respuit tela in eum, qui miserat.

Horaz dachte ſo wenig kollegialiſch, daß er ſeinem Zeitalter die mittelmäßigen Dichter zum Ausſpucken überantwortet.

Wie die Subjekte ſo ſind auch oft die ausgeſpuckten Objekte abſtrakter Natur, und die Grundbedeutung des Wortes e Vhero verblaßt im letzteren Fall meiſtens zu dem farbloſen Begriff des Verſchmähens, z. B. in den Phraſen: Caesar respuit condicionem; Sunt, qui respuant consomtionem; Constantiam respuit fortuna und Aehnliches an vielen andern Stellen.

Im Gegenſatz zu dem oft unzarten Gebrauch des respuere verräth ſich eine eigenthümliche Zartheit in der bildlichen Anwendung des osculari auf ſo trockene Gegenſtände wie die Jurisprudenz, deren liebevolle Pflege Cicero durch das Bild des Küſſens charakteriſirt.

Dem Respuere ſchließt ſich als Zwillingsbruder würdig das

Evomere an. Wenn Cicero im Eifer der polemiſchen Rede von ſeinen Gegnern ſagt, daß ſie 1*