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ſuchungen anlangt, ſo wird vielleicht mancher„gründliche Gelehrte“ geneigt ſein, die Beſchäftigung mit Dingen, welche dem Bereiche des Geſchmacks angehören, als eine mehr oder weniger überflüſſige wiſſenſchaftliche Spielerei zu betrachten. Ich habe ge⸗ gen dieſe Anſchauungsweiſe nichts einzuwenden, wenn man nur konſequent iſt und dem harmloſen Reiche des Spieltriebes jede Arbeit überweiſt, welche keinen praktiſchen Nutzen ſondern nur den theoretiſchen Zweck verfolgt, die unwillkührlichen Functionen des menſchlichen Geiſtes dem Leſer zum Bewußtſein zu bringen. Damit würde frei⸗ lich auch die geſammte Logik und Linguiſtik aus dem Katalog der Gegenſtände ge⸗ ſtrichen werden, die der Betrachtung eines ernſten Mannes würdig ſind. Denn es läßt ſich ſchwer einſehen, weßhalb die Caſusendungen ein vornehmeres Objekt wiſſen⸗ ſchaftlicher Forſchung ſein ſollten, als die Productionen des ſpachbildenden Genius auf dem Gebiete des ſtiliſtiſchen Ausdrucks.
Vielleicht hat nirgends mehr wie hier die Gewohnheit ihre abſtumpfende Macht geübt; denn wir brauchen im gewöhnlichen Geſpräch eine Maſſe Worte in übertrage⸗ ner Bedeutung ohne des eigentlichen Sinnes derſelben uns zu erinnern, geſchweige denn des Weges uns bewußt zu ſein, auf dem jene ſich aus dieſem entwickelte. Der⸗ jenige, welcher die Deutſchen zuerſt ein Volk von Denkern nannte, hat wohl ſchwerlich daran gedacht, daß der deutſche Ausdruck für das Werkzeug des abſtrakten Denkens das Wort„Begriff“ eine faſt abſchreckend realiſtiſche Anſchauungsweiſe verräth; gleich als ob die Erkenntniß unmöglich ſei ohne grobkörperliche Betaſtung des jedesmaligen Gegenſtandes.
Das beſte Mittel zur Wiedererweckung des durch die Gewohnheit abgeſtumpften Sprachgefühles bietet die wörtliche Ueberſetzung aus fremden Sprachen, namentlich poe⸗ tiſcher Produktionen, bei denen die unbewußt gebrauchten Tropen der Umgangsſprache noch häufiger als bei proſaiſchen Autoren durch Orginalbildungen vermehrt ſind.
Was nun insbeſondere das Verhältniß der deutſchen zur lateiniſchen Sprache be⸗ trifft in Bezug auf Kraft und Reichthum des bildlichen Ausdrucks, ſo kommt Nägels⸗ bach in dem hierher gehörigen Theil ſeiner lateiniſchen Stiliſtik zu dem Reſultat, daß das Latein in Abſicht auf Kraft und Umfang der translatio poetiſcher als das Deut⸗ ſche iſt, daß der Lateiner die Metapher viel häufiger, viel energiſcher und maleriſcher, endlich in kühneren Verbindungen braucht. Vielleicht wird ſich dies Urtheil zu Gunſten unſerer Mutterſprache etwas modificiren laſſen, wenn wir im folgenden geſehen haben, daß die größere Kraft der lateiniſchen Phraſe oft erreicht wird auf Koſten deſſen, was wir feinfühligere Deutſche als guten Geſchmack zu bezeichnen gewohnt ſind, oft auch auf Koſten der Richtigkeit des Bildes. Endlich dürften die Fälle, in denen der latei⸗ niſche Ausdruck als der mattere erſcheint, doch nicht ſo ſelten ſein, als es nach Nägels⸗ bach's Aeußerungen faſt ſcheinen könnte.
Bei der Lectüre römiſcher Autoren jeder Gattung, ſelbſt bei den eleganteſten Lyrikern treffen wir häufig Ausdrücke von einer äſthetiſchen Naivetät, um nicht zu ſagen Rohheit, die unſer Zartgefühl auf das Empfindlichſte verletzt und uns beweiſt,


