Lateiniſch und Deutſch.
Sprachvergleichende Beobachtungen auf dem gebiete des äſtheliſchen geſchmacks.
Unter allen Zweigen der philologiſchen Wiſſenſchaft hat in den letzten Jahr⸗ zehnten der jüngſte, die ſprachvergleichende Grammatik, die größten Eroberungen ge⸗ macht und ſelbſt in den ungläubigſten Herzen unbeſtrittene Siege erfochten; auch die verſtockteſten Anhänger der alten Schule müſſen, wenn gleich murrend und widerwil⸗ lig, von dem neuen Eindringling Notiz nehmen, der ſich bereits in den unterſten Klaſſen unſerer Gymnaſien häuslich eingerichtet hat. Währenddeſſen iſt die äſthetiſche Sprachvergleichung, die es nicht mit der durch grammatiſche Beziehung bedingten Flexion von Wörtern ſondern mit dem Ausdruck, namentlich dem bildlichen Ausdruck von Ge⸗ danken zu thun hat, nur gelegentlich hier und da behandelt worden. Das mag haupt⸗ ſächlich ſeinen Grund haben in der eigenthümlichen Natur des äſthetiſchen Geſchmacks, der einer ſtreng wiſſenſchaftlichen Methode unzugänglich iſt und deßhalb die Möglich⸗ keit unumſtößlicher, allgemein gültiger Reſultate auszuſchließen ſcheint. Denn aller⸗ dings iſt das Urtheil in äſthetiſchen Dingen gleich weit entfernt von dem nüchternen, aber feſten Boden der logiſchen Kategorieen wie von der nachtwandleriſchen Sicherheit derer, die ihren Halt im Glauben an Autoritäten ſuchen. So wenig indeſſen ein geſunder Menſch bezweifeln wird, daß Ariſtophanes ein größerer Dichter ſei als Kotzebue, ohne doch die Dimenſionen geiſtiger Größe mathematiſch ausmeſſen zu können, ſo ge⸗ wiß wird man, ohne Widerſpruch zu erfahren, von einem ſprachlichen Ausdruck ur⸗ theilen können, er ſei geſchmackvoll, und von einem andern das Gegentheil ausſagen dürfen, mag der letztere auch grammatiſch unantaſtbar ſein und dem berühmteſten aller Autoren angehören. Es hat damit eine ähnliche Bewandtniß wie mit der rela⸗ tiven Sicherheit und Allgemeinheit des körperlichen Geſchmacks, ſowie des ſittlichen Gefühls. Wie gewiſſe Speiſen und Handlungen ſo werden auch viele Phraſen und Bilder von einer überwiegenden Majorität goutirt oder verabſcheut. Soviel über die Sicherheit des äſthetiſchen Urtheils. Was nun den Stoff der vorliegenden Unter⸗ 3 1


