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ſophiſtiſchen Kunſtgriffen und dem Iſokratiſchen Schwunge ſo zu verbinden, daß er in ſeinen Gerichtsreden ſelten die gewünſchte Wirkung verfehlte. In dieſer Beziehung iſt er viel bedeutender als Antiphon, der zwar als Vertreter des aναστινορν ναᷣ doονπαον véros gilt, als Streitredner“⁴¹) jedoch weder in der gerichtlichen noch berathenden Be⸗ redſamkeit ſich hervorthut.„Und ſollte mich jemand fragen“, mit dieſen Worten des Dionys wollen wir dieſen Theil beſchließen,„warum ich Iſaios jenen an die Seite ſtelle, ſo würde ich ihm als Grund angeben, weil er der Schöpfer jenes überwältigenden kraftvollen Vortrages, der detrötzs iſt, die in Demoſthenes ihre Vollendung fand.“³)
Ueber den Stil des Iſaios mag hiermit genug geſagt ſein. In Bezug auf den ſachlichen Werth iſt unſer Schriftſteller, abgeſehen davon, daß er wie alle Redner eine Maſſe Stoff zur Kenntniß des öffentlichen wie privaten Lebens der Athener liefert, mit Demoſthenes einer der wenigen, aus deren Schriften wir die zerſtreuten Reſte des attiſchen Familien⸗- und Erbrechtes ſammeln, um ſie zu einer Art von Syſtem aufzubauen. Andrerſeits freilich ſind es gerade dieſe vielen Beziehungen zu den ver⸗ ſchiedenſten Gliedern des Staatsorganismus, auch der öfters trockene Gegenſtand dieſer Erbſchaftsreden und die eigenartige, oft gekünſtelte Darſtellung und Behandlung des Stoffes, die das Verſtändniß der Iſäiſchen Reden erſchweren und deren Lectüre weniger anziehend erſcheinen laſſen.
Man kann daher nicht gerade ſagen, daß unſer Redner ein Liebling der Alten oder Neueren geweſen ſei. Das Schickſal ſeiner Schriften iſt in Kurzem folgendes. Nach Pſeudo⸗Plutarch waren unter ſeinem Namen 64 Reden“¹) bekannt, darunter nur 50 ächte; von 54 uns jetzt noch bekannten Titeln ſind 3 als unächt, 2 weitere als identiſch mit anderen Ueberſchriften anzuſehen. Die erſte Ausgabe, die auch die übrigen Oratores Attici Minores enthielt, ließ Aldus Manutius im Jahre 1513 zu Ve⸗ nedig erſcheinen; die dabei benutzten Handſchriften waren auf Veranlaſſung des Lo⸗ renzo von Medici vom Berge Athos geholt worden. Von weit geringerem Werthe iſt die zu Paris 1575 erſchienene Ausgabe des Henricus Stephanus, weil insbeſondere für Iſaios keine codd. benutzt, wohl aber von Stephanus Bemerkungen und Verbeſſerungs⸗ vorſchläge über Fehler in der Aldina am Rande angebracht ſind. Die noch unbedeu⸗ tendere Ausgabe des Alphonsus Miniatus, Hanoviae 1619, enthielt außer dem Ste⸗ phan'ſchen Texte weiter nichts, als eine entbehrliche lateiniſche Ueberſetzung. Epoche⸗ machend war dagegen die Ausgabe von Reiske, der im VII. Band der Or. Att. Iſaios, Dionys über Iſaios und Antiphon commentirt und lateiniſch überſetzt zu Leipzig 1773 herausgab. Obgleich dieſer Gelehrte in Bezug auf Textkritik ſehr vorſichtig behandelt werden muß, weil er keine guten codd. benutzen konnte, und in den Real⸗ erklärungen öfters das Ziel verfehlt, ſo hat er doch durch die Mehrzahl ſeiner geiſtreichen Conjecturen und Erklärungen nicht minder als durch ſeine oft nur allzu weitſchwei⸗
¹⁴) Dion.§. 20, S. 367. à„ννυαστνᷣ ꝙ‿ ‿νον oòte ‿ufoudevri odre daœeπναναeν εστνν.
4⁵) Dion.§. 20, S. 369. 1aν α τ umν alrlar, öri uo doxeir ri Amuoodε᷑roue deuνέτντο» oddete Eιmςπᷣ Od elεαοdrνν dmπαοινν oler νεένεέοα, τd miguara za rds doyde obroc ò diye naooxeiy.
⁴⁶) Vgl. Schömann praefat.


