Aufsatz 
Bemerkungen zu einigen Reden des Isaios
Entstehung
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und einen Verfall bezeichnet, weil ſolche Advokatenſchriften in Privatſtreitigkeiten nach ſeiner Meinung nur Intereſſe für die Parteien haben und durchaus nicht zur Erbauung der Mit⸗ und Nachwelt beſtimmt ſein könnten. Aber ſelbſt wenn dieſe Reden im Mommſen'ſchen Sinne Krankheitsſymptome in der Literatur wären, ſo wird doch niemand verkennen, daß ihre Entwickelung ebenſo natürlich als nothwendig war. Denn beſtand einmal das Ge⸗ ſetz, daß vor Gericht, beſonders in Privatſtreitigkeiten, jeder ſelbſt reden ſolle, ſo möchte ich wiſſen, wie ein ſchlichter atheniſcher Bürger, der eine umfaſſende, gründliche Rechts⸗ kenntniß und die damals erforderliche Redegewandtheit nicht beſaß, in ſchwierigen Pro⸗ ceſſen ſich anders hätte helfen ſollen, als mit Ableſen einer von einem rechtskundigen Redner verfertigten Anklage oder Vertheidigung. So nöthig alſo dieſes Redeſchreiben war, ſo tröſtlich iſt doch auch die Thatſache, daß der Anfänger und Vollender der attiſchen Beredſamkeit, Antiphon und Demoſthenes, nebenbei Logographen waren, und daß trotz dieſer ſcheinbaren, langandauernden Literaturkrankheit aus Iſaios' Schule der größte Redner aller Zeiten hervorgegangen iſt.

Wir dürfen jedoch bei dieſer geringeren Bedeutung des Iſaios den Staatsmännern und Staatsrednern gegenüber nicht ſtehen bleiben. Derſelbe hat nach dem zuverläſſigen Zeugniſſe des Dionys ⁴⁸) einen nicht zu unterſchätzenden Einfluß auf die künſtleriſche Ausbildung der attiſchen Beredſamkeit beſonders in ſtiliſtiſcher Beziehung geübt, ſo daß er hiedurch wieder an Bedeutung das gewinnen dürfte, was er bei der obigen Betrachtung verloren. Nach der Anſicht des ſchon öfter angeführten äſthetiſch⸗rhetoriſchen Kritikers aus den Zeiten Auguſts hat er beſonders in der e*‿ς, Ausdruck und Vortrag, manche Aehnlichkeit mit ſeinem Lehrer Lyſias,*¹) von dem er ſich aber andrerſeits in vielen Punkten unterſcheidet.) Das Weſen und den Unterſchied der beiderſeitigen Beredſamkeit ſucht Dionys durch ein ſehr paſſendes Bild zu veranſchaulichen. Wie es nämlich alte Gemälde gibt, deren Lieblichkeit und Anmuth gerade in der Einfachheit, in der mäßigen Anwen⸗ dung der Farben und Farbenverbindung und in der Schärfe der Linien, der Zeichnung liegt; andere dagegen durch ſorgfältige Ausarbeitung und reiche Vertheilung der Farben⸗ miſchung, von Licht und Schatten beſtechen: ſo ſind nach des Kritikers Anſicht des Lyſias Reden zwar alterthümlich und einfach, aber natürlich und lieblich; die des Iſaios dem dama⸗ ligen Geſchmack entſprechend und im Hinblick auf die zu erzielende Wirkung geſchickt durchge⸗ arbeitet.¹*) Bei beiden iſt die 46&« rein, genau, klar, gedrängt, abgerundet und gewinnend, immer dem Thema angemeſſen und für das Gericht wie geſchaffen.*) Während aber

¹⁰) Vgl. Blaß, Geſchichte der Beredſamkeit von Alexander bis Anguſt. S. 168 ff.

¹⁷) Dion. p. 303(§. 2) Taoœerioæ ε ν‿ννον ναάηατ τ αcmroν οααε Vgl. a. Cicero Orat. cap. IX.

¹s) Dion. Lyſias. Vgl. Weſtermann über Lyſias und Iſaios. Müller, Literat. Geſch. über Lyſias. S. 368 ff.

¹9) Dion.§. 4

²⁰) Dion. 304(§. 3) aOαd d dοι[G ed Gαm⁹ νοον mτε xæłõ rανν d drouο, n00 rouτο τmιν τe ar εouoæ rois umoxeru᷑eros, orooyyud e er dureνs odx rrν doru

Noalov lexie i Auolou.

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