Aufsatz 
Die Naturwissenschaften in ihrer Bedeutung für das geistige Leben der Gegenwart
Entstehung
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Grundkräften der menſchlichen Seele*). Sie wirken direkt auf die Wurzeln ſittlichen Vermögens und ermöglichen dieſem die Aufnahme chriſtlicher Lebens⸗ ideale. Das heißt aber, Chriſtus wirkte perſönlich⸗monumental. Das Chriſten⸗ thum iſt That und Leben. Beide wurden in's Dogma zuſammengeſchnürt**), in deſſen correcter Ausbildung die mittelalterliche Scholaſtik ſowohl, als der prote⸗ ſtantiſche Orthodoxismus, die vornehmliche Aufgabe des Chriſtenthums erkannte***). Man bediente ſich dabei der Ariſtoteliſchen Dialektik und deren erkenntnißtheoreti⸗ ſchen Geſichtspunkte und Schemen. Hierdurch geſchah es, daß Jahrhunderte lang das wiſſenſchaftliche Geiſtesleben in unfreier Reproduction Ariſtoteliſchen Wiſſens und eben ſolcher Gelehrſamkeit gefangen blieb. Die vier Elemente des Ariſtoteles behielten ihre Bedeutung für das Verſtändniß der Natur⸗ erſcheinungen und beherrſchten die naturwiſſenſchaftliche Auffaſſung ſowohl wie die mediciniſche Praxis das ganze Mittelalter hindurch**rn). Im Ausgange des 16. Jahrhunderts bereitete ſich durch Bacon von Verulam) die Wen⸗ dung der naturwiſſenſchaftlichen Forſchung vor; die unter der Einwirkung der Entdeckungen Kepler's), Newton's α†), Harvey's †rr) u. A. zur Löſung naturwiſſenſchaftlichen Dogmenzwanges führte und damit das Befreiungs⸗ prinzip der Reformation auch im Naturbewußtſein zur Herrſchaft brachte.

*) In dieſem Sinn ſpricht Auguſtin oder Tertullian von der anima naturaliter christiana.

*) Die religionswiſſenſchaftliche Seite des Chriſtenthumsdie chriſtliche Theologie, ſpeciell die Chriſtologie, hat für das ethiſch⸗praktiſche Chriſtenthum doch wohl nur eine untergeordnete Bedeutung.

***) Wir ſind fern davon, dieſe Entwicklungsperiode in der Geſchichte des Chriſtenthums nur negativ einſeitig herabzuwürdigen. Ihre poſitive Bedeutung liegt in der Erſchöpfung menſchlicher Speculation innerhalb der intelligibelen Sphäre der chriſtlichen Theologie.

***) Heute noch kommen dieſelben zum Ausdruck in denvier Temperamenten und in den Reſiduen der alten Galen'ſchen Humoral⸗Pathologie; vergleiche auch Jeſſen, Geſchichte der Botanik; Kopp, Geſchichte der Chemie.

) Liebig führt in ſeiner SchriftUeber Francis Bacon von Verulam den Nachweis, wie geringes Verdienſt Bacon's Perſon um die nach ihm benannte Methode der Naturforſchung hat. Daß mit Bacon, und in ſeinem Zeitalter, ein mächtiges Intereſſe an der Natur⸗Beobachtung in den gebildetſten Kreiſen England's ſich kund gibt, wird nicht beſtritten und ebenſo wenig wird es die literariſche Thätigkeit Bacon's im Sinne dieſer Richtung.

) Es ſcheint der oben behaupteten Wechſelbeziehung zwiſchen Wahrheit ſuchen und Wahr⸗ heitleben nur zu entſprechen, wenn Kepler am Schluſſe ſeines Werkes:Mysterium cosmo- graphicum ſagt:Du nun, freundlicher Leſer, vergiß nicht das Ziel des ganzen Werks, nämlich Erkenntniß, Bewunderung und Verehrung des allweiſeſten Schöpfers. Denn es iſt nichts, von den Augen nur zum Geiſte, vom Sehen zur Betrachtung, von der ſichtbaren Bewegung zum tiefſten Rathſchluß, des Schöpfers fortzuſchreiten, wenn du hier ſtehen bleiben und nicht fortſtrebend mit ganzer Andacht des Gemüths zur Erkenntniß, Liebe und Anbetung des Schöpfers Dich erheben willſt. An einer andern Stelle ſagt Kepler:Der Tag wird anbrechen, da man die Wahrheit ſowohl im Buche der Natur, als auch in der heiligen Schrift erkennen und ſich über beide Offenbarungen freuen wird. Solche Aeußerungen ſind doch wohl nicht gleichzuſtellen den myſtiſch⸗dogmatiſchen Metepherne wie ſie ſich in den Lehren und Anweiſungen der Alchymiſten und Jatrochemiker gar

u nden.

9 In die Gemüthsverfaſſung des genialen Begründers der Mechanik der Himmelskörper und großen Mitbewerbers von Leibnitz um die Priorität der Erfindung der Differentialrechnung, läßt u. a. folgende Aeußerung einen Blick thun:Ich weiß nicht, was die Welt zu meinen Arbeiten ſagen wird; mir ſelbſt bin ich nur wie ein Kind vorgekommen, ſpielend am Ufer des Meeres, bald ein buntes Steinchen, bald eine glänzende Muſchelſchale findend, indeß ſich der Ocean der Wahr⸗ heit unerforſcht und unerforſchlich in unendlicher Weite vor meinen Angen ausdehnte. Bekanntiſt, daß Newton neben ſeinen mathemathiſch⸗phyſikaliſchen Unterſuchungen ſich mit dem Studium und der Erklärung des Propheten Daniel, ſowie der Offenbarung des ÄApoſtels Johannes beſchäftigte.

†t) des Entdeckers des Blut⸗Kreislaufs.