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Es ließe ſich zeigen, in welch' intereſſantem organiſchen Connex das Auf⸗ treten des Pietismus und der, mit dieſer Richtung Boden gewinnende Realismus zu einander ſtehen. Umgekehrt aber auch könnte die Unterſuchung auf die cultur⸗ verderblichen Wendungen des Pietismus, ſowie auf die verhängnißvollen Wir⸗ kungen eines einſeitigen Realismus ſich ausdehnen.
Comenius,“*) der Vater des orbis picfus, und damit der Begründer unſerer
illuſtrirten und belehrenden Unterhaltungs⸗Literatur für die Jugend, Rouſſeau**), Baſedow und Peſtalozzi, ſie alle deichen beſtimmt charakteriſirte realiſtiſch⸗ proteſtantiſche Geiſtesrichtungen in der Geſchichte der Pädagogik und damit der der Cultur.— Auch die humaniſtiſchen Bildungsideale ſind aus der forma⸗ liſtiſchen Erſtarrung der ſcholaſtiſch-⸗orthodoxen Periode erlöſt und die„Gymnaſial⸗ reform“ wie die„Realſchulfrage“ der Gegenwart laſſen gemeinſame Zielpunkte realiſtiſcher und humaniſtiſcher Erziehungsideale erkennen.— War aber die Werthſchätzung realiſtiſcher Vorſtellungen und Begriffe, nach Maßgabe theologi⸗ ſcher Dogmen, eine unheilvolle Verirrung des Hhriſtlich⸗religiöſen Bewußtſeins, ſo iſt es nicht minder verhängnißvoll, wenn Dogmen des vulgären Genuß⸗ Materialismus die ſittlichen Triebkräfte und Lebensideale der menſchlichen Seele in Feſſeln u ſchlagen ſuchen. Nicht in den Polen der„Luſt und Unluſt“ oder des„Bewußten und Unbewußten“***) ruht und kreiſt das Geiſtesleben,— ſeine Entfaltung wird durch Keimkräfte bedingt, welche aus dem Reiche ewiger Gotteswahrheiten dieſer ſublunariſchen Welt eingepflanzt ſind.— Aus den gött⸗ lichen Ideen der Wahrheit und Schönheit aber, wie ſie die Naturwiſſenſchaft dem ſchauenden Auge vermittelt, Triebkräfte entnehmen für die Realiſirung der Idee des ſittlich Guten im perſönlichen Leben, heißt ſittliche Weihe und Unterlage eben den naturwiſſenſchaftlichen Bildungsidealen. So nur vollzieht ſich eine Herrnnehe Wechſelwirkung zwiſchen inductiv analytiſchem Naturerkennen und deductiv ſynthetiſcher Naturverklärung der Perſönlichkeit. Dann tragen die ver⸗ mehrten Kenntniſſe dazu bei, im„Haben“ des Wiſſens das„Sein“ des Charak⸗ ters mit zu begründen †).
*) ef. Seyffarth, Joh. Amos Comenius. Eine dreifache Heimath hat der Menſch, ſo ſagt Comenius, die eine ſoll Vorbereitung ſein für die folgende. Zu dem Ende muß der Menſch heimiſch werden hier im Leben, als der zweiten Heimath, zur Vorbereitung auf die dritte himmliſche. Heimiſch wird er durch allſeitige Bekanntſchaft nicht nur mit ideellen, ſondern auch materiellen Dingen.
**) Die Einwirkung, Rouſſeau'ſcher Ideen auf Campe'’s Robinſon iſt nicht zu ver⸗ kennen. Doch iſt nicht Campe, ſondern der Engländer de Foe Urheber der Robinſonaden.
***) Hartmann, Philoſophie des Unbewußten. †) Wieſe,„Haben und Sein“, und„Bildungsfragen aus der Gegenwart“. 2 Vorträge.


