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Dieſe Küchenabfälle werfen auch auf die Beſchaffenheit unſeres europäiſchen Continents zur Zeit ihrer Bildung inſofern ein klares Licht, als gegenwärtig die Auſter ſelten in der Oſtſee ſich findet, und wenn ſie dort vorkommt, viel kleiner iſt, als die in der Nordſee, obwohl die Auſterſchalen der Küchenabfälle genau mit den Schalen der Auſter in der Nordſee der Jetztzeit übereinſtimmen, ein Verhältniß, welches einen direkteren Zuſammenhang zwiſchen Nord⸗ und Oſtſee, als er gegenwärtig durch den Sund und die beiden Belte hergeſtellt iſt, vor⸗ ausſetzen läßt. Wahrſcheinlich exiſtirte eine breite, beide Meere verbindende Waſſerſtraße in Jütland.“
Wir würden den uns zugemeſſenen Raum weit überſchreiten, wollten wir verſuchen, die Bedeutung der Pfahlbau⸗*), Höhlen⸗ und Gräberbefunde für Geologie, Menſchheitsgeſchichte und damit für die Culturgeſchichte überhaupt und die moderne Weltanſchauung und Geiſtesbildung insbeſondere, zu illuſtriren.— Es genüge der Hinweis, daß das Verſtändniß, die Werthſchätzung und damit der Sammeleifer und das Entdeckungsvermögen, für die bezeichneten Ueberreſte der Vorzeit vorwiegend den Jiratlgen zu danken ſind, weuche das Weſen und die Reſultate der neueren Naturwiſſenſchaft dem geiſtigen Leben unſerer Zeit mitgetheilt haben.— Wie ſehr die theologiſch-orthodoxe Geiſtesrichtung die frühere Naturwiſſenſchaft beeinflußte und den unbefangenen Naturſinn zurück⸗ drängte, bezeugt unter anderem die Abhandlung des Züricher Arztes und Natur⸗ forſchers Scheuchzer im Jahre 1726 über die verſteinerten Knochen eines Rie⸗ ſenſalamanders. Die Schrift führt den Titel:„Homo diluvii testis“, vindicirt alſo die aufgefundenen Skeletfragmente einem in der„Sündfluth“ zu Grunde gegangenen Adamiten und beginnt mit den Worten:
„Betrübtes Beingerüſt von einem alten Sünder, Erweiche Herz und Sinn der neuen Bosheitskinder.“
Auch Melanchthon's— des praeceptor Germaniae— hoher Geiſt blieb nicht unberührt von den, die Naturerkenntniß hemmenden, Wirkungen der „reinen Lehre“.— Im Hinblick auf die Weltanſchauung des Copernicus äußerte er:„Man müſſe die Obrigkeit bewegen, eine ſo böͤſe und gottloſe Mei⸗ nung mit allen ihr zu Gebote ſtehenden Mitteln zu unterdrücken.“**)
Unſer Thema ſchließt eine kurze Darlegung der Entwickelungs⸗Geſchichte der Naturwiſſenſchaften in ihrem Zuſammenhang mit der Culturgeſchichte in ſich.**u) Dieß hier zu thun, müſſen wir uns freilich verſagen.— Eine ganz kurze Reſü⸗ mirung jedoch der Hauptmomente dieſer Entwickelung ſei erlaubt:
Es ließe ſich die paradox erſcheinende Behauptung rechtfertigen, das Auf⸗ treten Jeſu habe einen zweiten Sündenfall mit zur Folge gehabt. So nämlich: Jeſus wirkte durch das, was er perſönlich unmittelbar war und that. Rein menſchlich betrachtet, alſo etwa ſo wie Sokrates unter ſeinen Zeitgenoſſen. Jeſu Reden und Lehren drangen darum in's Centrum des Gemüths und dringen heute noch in daſſelbe, wie ſie es ewig thun werden, im Contact mit den ewigen
„*) ef. Cotta, Geologie der Gegenwart. Virchow, Hünengräber und Pfahlbauten. Vergleiche auch die Werke von Keller und Déſor.. .) und doch war der chriſtlich⸗religiöſe Lebensgrund der Beiden ein gemeinſamer, wie die bekannte Grabſchrift des Copernicus bezeugt. Sie lautet in der Ueberſetzung: „Nicht ſo hohe Gnade, wie Paulus erhalten, Nicht erfleh' ich Verzeihung, die Petro geworden, Nur was am Kreußesholz Du dem Sohlicher erwieſen, „Brünſtig erfleh' ich 8.. hcf. Schmidt, Geſchichte der Pädagogik.


