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zu der Anſicht bekennen, daß das Darwin'ſche Princip, ausgedehnt und erhoben auf die Grundlage des Geiſtes⸗Lebens recht eigentlich eine Quelle wird für den chriſtlichen Ideal⸗Menſchen. Die Erſchließung latenter Gemüths⸗ und Geiſtes⸗ kräfte iſt die Wirkung des Perfectibilitäts⸗Princips, angewandt auf die perſön⸗ liche Subjectivität. Das, der Cultur⸗Einwirkung nicht verſchloſſene, Perfecti⸗ bilitäts⸗Princip des Proteſtantismus offenbart ſich in den poſitiven Beſtrebungen berufener Führer des„Proteſtanten⸗Vereins“.*)—
Einer zweiten— mit Hülfe inductiver Natur-Beobachtung gewonnenen— Er⸗ rungenſchaft der Neuzeit muß hier gedacht werden. Sie gleicht, in der Tragweite ihres Einfluſſes auf das gebildete Bewußtſein unſerer Zeit, der Theorie Darwin's. Wir meinen die Reſultate der Spectralanalyſe, dieſer lichtentſprungenen Lichtquelle für die Naturerkenntniß; durch Kirchhoff und Bunſen erſchloſſen. Sie begründet eine neue Aſtrologie, inſofern ſie in den Stand ſetzt,„in den Sternen zu leſen“ gleichwie dies die Geologie in den Geſteinen thut. Die Lichtſtrahlen, die ſie uns zuſenden und deren Wirkung ſind die Elemente, das Spectroſkop die Fibel für dieſe himmliſche Buchſtabirkunſt. Die ſie verſtehen,**) ſagen uns nicht nur, wie es auf der Sonne und den Sternen ausſieht, ſie haben auch Kunde von der Beſchaffenheit des geſtaltloſen Weltenſtoffs, der als Urmaterie werdender oder als Reſt gewordener Sonnenbälle, die unermeßliche Tiefe des Weltraums erfüllt und in den„Nebelflecken“ der Beobachtung zugänglich iſt. Dort kosmiſcher Urſtoff, hier auf dem Erdball vitaler Urſchleimn. La Place*nn) und Darwin bringen das Ungeſtaltete in
enetiſche Beziehung zu dem Geſtalteten, und wie die Entdeckung Kichhoff's die da Place'ſche Theorie über die Entſtehung und Bewegung der Himmelskörper ge⸗ bührend würdigen lehrt, ſo darf eine breitere Thatſachen⸗Unterlage auch für Darwin's Hypotheſe für die Zukunft zu erwarten ſein.
Es wurde oben bemerkt, daß der Schutt und die Trümmer der vorgeſchichtlichen
Zeit erhohte Bedeutung gewinnen durch die moderne Naturforſchung. Zum Beleg afür und in der Abſicht, erkennen zu laſſen, welch' unerwartete Anregung und Aufklärung aus der ſuchenden und ſammelnden Naturforſchung entſpringen kann, ſeien folgende Mittheilungen gegeben. †)
„.... Laſſen Sie mich, geehrte Anweſende, zur dritten(jüngſten) Stein⸗ periode übergehen. Diefe iſt durch die ſogenannten Kjökken⸗möddinger
des Naturerkennens“. Bedingt aber das der Natur⸗Erforſchung zugewande Denken ſpecifiſche Begriffs⸗ und Vorſtellungscomplexe, im Unterſchied zu äſthetiſch⸗teleologiſchen Phantaſiegebilden oder pietätvollen Regungen des Gemüths, ſo kann nur ein oberflächliches und tendenziöſes Urtheil die eine oder die andere dieſer„Schöpfungs⸗Erklärungen“ verdächtigen oder gar ſittlich⸗religiöſe Motive und Bekenntniſſe aus ſolchen ableiten wollen.
*) ef. Holtzmann, die Kirche des XIX. Jahrhunderts.
Die Bedeutung der Darwin'ſchen Theorie für die Sprachwiſſenſchaft möge eine Bemerkung Schleicher’ erkennen laſſen:„Deſto unbeſtreitbarer iſt aber auf ſprachlichem Gebiete die Entſtehung der Arten durch allmählige Difſerenzirung und die Erhaltung der höher entwickelten Organismen im Kampfe um’s Daſein. Die beiden Hauptpunkte der Darwin'ſchen Lehre theilen alſo mit mancher andern wichtigen Erkenntniß die Eigenſchaft, daß ſie auch in ſolchen Kreiſen ſich berühren, welche anfänglich nicht in Betracht gezogen wurden.“ Auguſt Schleicher, die Darwin'ſche Theorie und die Sprachwiſſenſchaft.
**) cf. Roſcoe, Spectralanalyſe. 1
**) Die La Place'ſche Theorie iſt in ihren weſentlichen Zügen bereits von Kant aufgeſtellt worden; cf. Volger, Erde und Ewigkeit.„Zwei Dinge ſind es, die ich bewundere: der ge⸗ ſtirnte Himmel über mir, und das moraliſche Geſetz in mir“, iſt eine charakteriſtiſche Aeußerung des Königsberger Philoſophen.
†) Gleisberg, tritiſche Darlegung der Urgeſchichte des Menſchen nach K. Vogt.


