Aufsatz 
Die Naturwissenschaften in ihrer Bedeutung für das geistige Leben der Gegenwart
Entstehung
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tion der Menſchen beſprochen werden, ſo mag dies genügen, um zur Lectüre des Buchs anzuregen.

Auf die Wiſſenſchaft der Geologie, insbeſondere diejenige der Paläonto⸗ logie, hat die Darwin'ſche Deſcendenz⸗ und Transmutations⸗Hypotheſe erfolg⸗ reich eingewirkt. Das Intereſſe an dem Auffinden und detaillirten Diagnoſticiren der, in den Gebirgsſchichten eingebetteten oder verſteinerten, Vorweſen, iſt unter den leitenden Ideen einer veränderten Auffaſſung der Erdgeſchichte zur gebühren⸗ den Geltung gekommen. Damit iſt denn auch den leidigen Streitigkeiten, die mit fraglichen Species⸗Aufſtellungen gar oft verbunden geweſen ſind, der Boden entzogen.

3 Wenn nun auch noch nicht mit Evidenz das Ueberfließen der Wirbel⸗Thier⸗ klaſſen durch die paläontologiſchen Pnnteranngen hat nachgewieſen werden kön⸗ nen und der entgegenſtehenden Forſchungshinderniſſe wegen auch wohl kaum zukünftig zu erwarten ſein wird, ſo laſſen doch die, der Uebergangsſtufe von den Reptilien zu den Fiſchen einerſeits und den Vögeln andererſeits naheſtehenden foſſilen Saurier, die bezeichnete fließende Grenze unterſchiedener Art⸗Begriffe auch für die umfänglicheren Klaſſen⸗Begriffe vorausſetzen*). Innerhalb des Kreiſes der Mollusken ſind zweifelloſe Arten⸗Uebergänge von der Paläontologie nachgewie⸗ ſen. Die wohlerhaltenen Gehäuſe vieler Ammoniten, Schnecken und Muſcheln geſtatten genaue Beobachtungen und Vergleiche. Sie ermöglichen in vielen Fäl⸗ len die Zuſammenſtellung von Formen⸗Reihen, welche den allmähligen Arten⸗ Uebergang unzweifelhaft documentiren. Oskar Schmidt und Häckel*) lie⸗ fern in ihren werthvollen Arbeiten über die Kieſel⸗ und Kalk⸗Schwämme den Nach⸗ weis der Irrelevanz beſtimmter Art⸗Merkmale auf dieſem Forſchungsgebiet, wie M. Schultze dies gethan im Hinblick auf die ſo fleißig von ihm beobachteten Formen der Rhizopoden⸗Gehäuſe. Im Kreis der Urthiere haben, vor Anderen, die Wurzelfüßer ſär die in Rede ſtehende Lehre eine beſondere Bedeutung. Dieſe Organismen erinnern in dem Verhalten ihrer Körperſubſtanz namentlich gilt dies von der gehäuſeloſen Amoeba diffluens lebhaft an die Bewegung des Bildungsſtoffes der Pflanzenzelle, des Protoplasmas***). Die Art der Nahrungs⸗ aufnahme, der Vermehrung und Entwicklung mancher dieſer Urweſen des Thier⸗ reichs ſchließt ſich ſo enge den entſprechenden Vorgängen im Leben der Pflanzen⸗ zelle an, auch die ſtoffliche Beſchaffenheit der Sarkode weicht ſo wenig ab von der⸗ jenigen des Protoplasmas der Pflanzen, daß in dieſem Ur⸗Bildungsſtoff die gemein⸗ ame Bildungsſtätte der lebenden Natur erkannt werden dürfte. Man hat es aufgegeben, Nerkmale zu ſuchen und feſtzuſtellen für die Zugehörigkeit gewiſſer kleinſter lebender Weſen zum Thier- oder zum Pflanzenreich. Die beiden Reiche

*) Hierzu tritt die Entdeckung des Lanzettfiſches, des ſcheinbaren Verbindungs⸗ und Ueber⸗ gangsgliedes zwiſchen dem Wirbelthier⸗ und Weichthierkreis.

**) O. Schmidt, a. a. O. Cotta, Geologie der Gegenwart.

***) Wir erinnern an die für die Beobachtung leicht zugänglichen Bewegungserſcheinungen des Protoplasmas in den Zellen der Staubgefäß⸗Haare der Pradescantia virginien. Kann man die Bewegungen der Amöben, im Gegenſatz zu den bezeichneten innerhalb der Pflanzenzelle, als ſpecifiſchwillkürliche charakteriſiren im Ungerſchied von denmechaniſchen,phyſikaliſchen oder gendosmotiſchen, und will man darauf einen Weſens⸗Unterſchied dieſer Organismen begründen? Die Identität der gehäuſeloſen Amöbe und des Protoplasmaſchlauches wird indeſſen damit eben⸗ ſowenig behauptet, als wir geneigt ſind, die Oken'ſche Infuſorien⸗Theorie über den Aufbau der hüheen Thier⸗Organismen anzuerkennen. ef. Rolle, Th. Darwin's Lehre von der Entſtehung

er Arten ꝛc.

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