Aufsatz 
Die Naturwissenschaften in ihrer Bedeutung für das geistige Leben der Gegenwart
Entstehung
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Richtung der Naturforſchung bezeichnet werden. An der Hand der Beobachtung und Erfahrungsthatſache ſucht die Forſchung die Weſenheit des Werdens und Erhaltens geheimſter Lebenskräfte zu enthüllen*). Aus der Sinnenwelt ſelbſt, direct und ohne Vermittlung durch Philoſophie und Religion, trachtet ſie den Vorſtellungs⸗Complex für den Schöpfungsbegriff zuſammenzutragen. Im Dar⸗ winismus kommt die inductive Methode der Naturforſchung in vollem Umfange zur Geltung und verdrängt die deductiv⸗dogmatiſche Naturerklärung aus ihren etzten Poſitionen. Der inductiven Denkarbeit aber, ſind die Leiſtungen der geſammten neueren Naturwiſſenſchaften zu danken. Ihr Weſen beruht in einer zweifachen Verſtandesthätigkeit: Einmal, im Aufſuchen der einzelnen Begriffs⸗ merkmale des Individuums, der Art, Gattung und ſo fortſchreitend, bis zu den umfangreichſten Begriffen. Der ſo gefundene Begriffsinhalt wird nun angewandt, um anderen, minder vertieften Begriffen, deren erkannte Merkmale mit denjeni⸗ den des bereits fertig conſtruirten Begriffs zuſammenfallen, den Verſchluß zu öſen, welcher dem forſchenden Auge den Einblick in ihre Weſenhaftigkeit ver⸗ wehrte. Dieß geſchieht aber dadurch, daß aus den, in den Einzelerſcheinungen wirkenden Urfachen die Schlußfolgerung begründet wird, zur Ausdehnung einer erkannten Geſetzmäßigkeit auf den geſammten Umfang zuſammenſtimmender Be⸗ griffe, d. h. zur Aufſtellung eines allgemeinen Geſetzes. 5 dem Grade nun, in welchem ein ſo gefundenes Naturgeſetz im Einklange ſteht mit fehlerfreien Beobachtungen der Thatſachen, und im Stande iſt, ſtattfindende Erſcheinungen verſtehen d. h. alſo hier begreifen, inſofern das Verſtändniß in der Sub⸗ ſumtion, dem unter ſich begreifen, der Einzelvorſtellungen unter einen General⸗ begriff beruht zu laſſen, hat ein ſolches Geſetz Gültigkeit und Werth. Es dehnt ſich das Gebiet ſeiner Herrſchaft aus in dem Maaße, in welchem daſſelbe, als umfangreicherer Begriff, andere inhaltreichere und umfangbeſchränktere Geſetz⸗ begriffe unter ſich aufnimmt. So iſt es der phyſikaliſchen Forſchung z. B. ge⸗ lungen, in dem Begriffe der Bewegung die Begriffe der Schall⸗, Wärme⸗, Licht⸗ und Electricitätserſcheinungen aufgehen zu laſſen**). Aus zahlreichen Gliedern der Einzelbeobachtung bei zunehmender Verminderung der Auifaſſungsſchwierig⸗ keiten zuſammengeſetzt, ſtellt ſich unſere heutige Forſchungsmethode als eine un⸗ endliche convergirende Reihe dar, in wachſender Annäherung an ein beſtimmtes Facit der Naturerkenntniß. Zwei Beiſpiele***) mögen zur Veranſchaulichung der, über den Charakter der Induction gemachten, Bemerkungen dienen. Wir finden, daß ein Apfel, der hart iſt und eine grüne Farbe hat, ſauer ſchmeckt; wir machen an einem zweiten und dritten dieſelbe Erfahrung, bei dem vierten behaupten wir zuverſichtlich, auf Grund unſerer gemachten Erfahrungen, daß er ſauer ſei, ohne uns wirklich davon überzeugt zu haben. Wir haben es erſchloſſen, unſer Schluß iſt in hohem Grade wahrſcheinlich, wir haben, unbe⸗

*) Heraclit ſchon trachtete nach dieſem Ziele.Alles wird, Alles fließt. Der Streit entgegen wirkender Spannkräfte, das ewig lebende und beſeelende Feuer ſchafft und erhält die erſcheinende Welt. Fliegende Ideen und aprioriſche Axiome erſetzen die Beobachtung bei dieſem Darwin Jonien's.

**) Um dem Mißverſtändniß zu begegnen, als ſei hier keine Unterſcheidung gemacht zwiſchen Begriff und Kraft, ſei geſtattet, nochmals auf das Citat aus Du Bois⸗Reymonds Rede hinzuweiſen.

**) cf. Huxley, Vorleſungen, überſetzt von C. Vogt. O. Schmidt, Deſcendenzlehre und Darwinismus.

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