Durch Reiſen nach allen Welttheilen bekannt geworden mit derſelben und angeregt zu vielſeitigen Beobachtungen innerhalb der Pflanzen⸗ und Thierwelt, durch Verbindungen mit den erwählteſten Kreiſen der Beſitz⸗ und Geiſtesariſtokratie England's, ſowie endlich durch Reichthum begünſtigt, iſt Darwin, wie Wenige, in den Stand geſetzt, der wiſſenſchaftlichen Muße zu leben. Auf ſeinem Landgute in Kent ermöglicht ihm die Züchtung ausgeſuchter Nutz⸗ und Lurus⸗Chiere oder die Anpflanzung mannigfachſter Gewächſe die genaueſte Beobachtung der Wachsthums⸗ und Entwickelungsvorgänge im Thier⸗ und Pflanzenleben. Es gewinnt daſſelbe ſo die Bedeutung einer naturwiſſenſchaftlichen Verſuchs⸗Station. Darwin unterſucht, prüft, vergleicht, zieht Schlußfolgerungen und referirt von Zeit zu Zeit in ſeinen Werken*) über das, was er geſehen und der Natur abgelauſcht hat. In vornehmer Ruhe und unbekümmert um das, was in ſeinem Namen geſchieht oder verkündigt wird, lebt und wirkt er, Wahrheit ſuchend und deren Erkenntniß Anderen vermittelnd, in prieſterlichem Dienſte der Wahrheit. Folgende Aeußerung*), die er gelegentlich der Beſprechung der ſeiner Theorie entgegengehaltenen Bedenken thut, läßt einen Blick in die Grundgeſinnung thun, in welcher ſeine wiſſenſchaftliche Thätigkeit wurzelt:„Aber es verdient noch ins⸗ beſondere hervorgehoben zu werden, daß die wichtigeren Einwände ſich auf Fragen beziehen, über die wir eingeſtandener Maßen in Unwiſſenheit ſind; und wir wiſſen nicht einmal, wie unwiſſend wir ſind.“***) Die abgepflückten Reſultate Darwin'ſcher Geiſtesarbeit freilich ſind nur dazu angethan, Verwirrung und Mißverſtändniſſe zu ſchaffen. Darwiniſt ſein, heißt: ein neues Organ der Natur⸗ Anſchauung aufnehmen, und damit eine neue Quelle naturwiſſenſchaftlicher Arbeits⸗ kraft ſich im Geiſte erſchließen. Es iſt darum zu verwundern, wenn man von Darwiniſten und Anti⸗Darwiniſten ſpricht. Der Verſuch, vermittelſt einer bisher nicht benutzten Leuchte einer neuen Idee ſich beſſer zu orientiren in der Welt der Einzel⸗Erſcheinungen, kann doch keine Gegnerſchaft herausfordern. Suchen die Aſtronomen nach den Central⸗Sonnen und Gravitations⸗Centren der Himmels⸗ körper, ſo kann das Aufſuchen eines Ur⸗Lebenscentrums der organiſchen Welt wohl nicht verwehrt werden. Das Princip Darwin's iſt aber auch Correlat der Einheit des geiſtigen Bewußtſeins, inmitten peripheriſcher Affekte und Funktionen.
Darwin ſtellt kein Syſtem-Dogma auf, und das führt zur Würdigung des wiſſenſchaftlichen Characters des Darwinismus.
Der Verſuch, das Werden und Gewordenſein der Natur zu begreifen oder dem Begriffsvermögen näher zu bringen, darf als weſentliches Merkmal dieſer
*)„Variiren der Thiere und Pflanzen.“„Entſtehung der Arten.“
**) in„Entſtehung der Arten.“— In ſeinem neueſten Werke, das von der Abſtammung des Menſchen handelt, iſt Darwin minder ſachlich. Kühne Theorien werden darin nicht ohne Extravaganz vorgetragen.
***) Im Hinblick auf ſo manche Vorurtheile, welche einer gerechten Würdigung des Geiſtes, von dem die Koryphäen moderner Naturforſchung beſeelt ſind, entgegenſtehen, ſei der Schluß aus Du Bois⸗Reymond's Rede, auf der Naturforſcher⸗Verſammlung 1872,„über die Grenzen des Naturerkennens“, mitgetheilt:„In Bezug auf die Räthſel der Körperwelt iſt der Natur⸗ forſcher längſt gewöhnt, mit männlicher Entſagung ſein„ignoramus“ auszuſprechen. In Rückblick auf die durchlaufene, ſiegreiche Bahn, trägt ihn dabei das ſtille Bewußtſein, daß, wo er jetzt nicht weiß, er wenigſtens unter Umſtänden wiſſen könnte, und dereinſt vielleicht wiſſen wird Im Bezug auf das Räthſel aber, was Materie und Kraft ſeien, und wie ſie zu denken ver⸗ mögen, muß er ein⸗ für allemal zu dem viel ſchwerer abzugebenden Wahrſpruch ſich entſchließen: „ignorabimus“.


