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ihnen, die Arten⸗Mannigfaltigkeit der organiſchen Welt ab. In Göthe's Geiſt zuͤndete dieſer Gedanke auf das Lebhafteſte, keine leitende Idee für die Natur⸗ detrachtung war ſeinem, auf harmoniſche Syntheſe vereinzelter Anſchauungen an⸗ gelegten, Natur⸗Sinn congenialer, als die Lamarck'ſche Hypotheſe. Die natur⸗ philoſophiſchen Discuſſionen in der Pariſer Academie zwiſchen Cuvier, dem Ver⸗ treter der Stabilitätslehre*), und ſeinen Gegnern, hatten ungleich höheres In⸗ tereſſe für ihn, als die gleichzeitigen Vorgänge im politiſchen Leben Frankreich's**). In der Lehre von der Metamorphoſe der Pflanze und in ſeinen vergleichend⸗ana⸗ tomiſchen Unterſuchungen über die morphologiſchen Elemente der Schädelknochen war Göthe's Genie ſeiner Zeit vorausgeeilt. Er wurde weſentlicher Mitbegrün⸗ der der modernen Unterſuchungsmethode und lieferte unſchätzbare Geſichtspunkte für dieſelbe. Auf Grnnd ſeiner Beobachtungen ſagte er voraus, daß der Menſch, wie die Säugethiere, einen Zwiſchenkiefer haben müſſe und daß man ihn finden werde.***) Man hat denſelben ſpäter in den früheſten Entwickelungsformen des menſchlichen Körpers gefunden. Baer's Entdeckung des Säugethier⸗Eies darf dem von Göthe ausgegangenen Einfluß auf die wiſſenſchaftliche Anatomie mit zuzuſchreiben ſein.
Auch die heutige Morphologie und Phyſiologie der Gewächſe hat die Göthe'ſche Transmutations⸗Theorie des„Blattes“ als eine berechtigte Lehre anerkannt und auf wiſſenſchaftlicher Grundlage weiter ausgebildet.
Der Menſch iſt ein Produkt ſeiner Zeit und der Gelehrte empfängt wiſſen⸗ ſchaftlichen Antrieb durch die in ihr wirkenden Ideen. In der ordnenden Zu⸗ ſammenſtellung nun und Vergleichung der erfahrungsmäßigen Thatſachen und Beobachtungen auf dem Gebiete der„beſchreibenden Naturwiſſenſchaften“, in dem Ringen nach Auffindung des Geſetzes, als leuchtendem Kern, in der Erſchei⸗ nungen Flucht, darin liegt die Bedeutung Darwin's, deſſen Name, gleich dem des wternitute der Ausdruck für eine beſtimmte Weltanſchauung ge⸗ worden iſt. 3
Es kann nicht die Abſicht ſein, auch nur ſummariſch, hier die Leiſtungen des engliſchen Naturforſchers darzulegen. Auf zwei Punkte aber möchten wir, ihrer ethiſchen Bedeutung wegen, hinweiſen. Sie betreffen die Perſönlichkeit des Mannes und den wiſſenchaftlichen Werth der nach ihm benannten Richtung der Naturforſchung.
*) In der Gegenwart vertritt der kürzlich verſtorbene, hochverdiente amerikaniſche Natur⸗ forſcher(von Geburt ein Schweizer) Agaſſiz die Theorie Cuvier's. Seine Schöpfungs⸗ theorie iſt eine ganz eigenthümliche und läßt den Schöpfer, gewiſſermaßen wie einen Experi⸗ mentator, ſein Schöpfungswert viele Male ſelbſt zerſtören und auf's Neue wieder beginnen, bis es endlich, ſertig und vollendet, für die Zwecke des Menſchen brauchbar und ſchön, hergeſtellt iſt. Das durch Agaſſiz' ungemeinen Fleiß im Sammeln und Beobachten reichlich vermehrte wiſſen⸗ ſchaftliche Thatſachen⸗Material, die Reſultate ſeiner vergleichend⸗anatomiſchen Unterſuchungen, ſowie die von ihm erkannte Beziehung zwiſchen den„embryoniſchen Typen“ der Vorweſen und den vollendeten Organismen der Lebewelt können durch die Transmutationstheorie eine harmoniſchere Würdigung erfahren. Und gleichwohl iſt in der Schöpfungstheorie kein größerer Antagonismus denkbar, als wie er ſich kund gibt in den Lehren Darwin's und Agaſſiz'.
*²*) Nichts kann bezeichnender ſein für den lebendigen Antheil an dieſer Streitfrage, als die Wirkung, welche die Nachricht von dem Siege der Juli⸗Revolution auf Göthe hervorbrachte.—„Wer hat geſiegt, Cuvier oder St. Hilaire“, rief er, indem er haſtig aufſprang.
*en) cf. Helmholt, wiſſenſchaftliche Vorträge.


