Aufsatz 
Die Naturwissenschaften in ihrer Bedeutung für das geistige Leben der Gegenwart
Entstehung
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Schöpfung war mit dieſer Form freilich nichts gewonnen; auch in ſitttlich⸗reli⸗ giöſer Beziehung iſt eine deiſtiſche Schöpf ngs⸗Grundlage kaum höher anzuſchlagen, als eine pantheiſtiſche oder materialiſtiſche. Gleichwohl beherrſchten die an die Geneſis angelehnten Meinungen und in dogmatiſcher Formulirung dem denken⸗ den Geiſte aufgenöthigten Vorſtellungen viele Jahrhunderte lang die Auffaſſung der Schöpfungsgeſchtchte. Kirchen⸗ oder Culturgeſchichtliche Begebenheiten denn die Kirche beherrſchte die Cultur, die ſich an die Namen Copernicus und Galilei knüpfen, charakteriſiren den religiöſen Zuſtand jener Zeiten, in wel⸗ chen, dem eigentlichen Sprachſinn gemäß, die Religion nicht nur in ethiſcher Be⸗ ziehung als ein Gebundenſein an ideal⸗ſittliche Kräfte aufgefaßt wurde, ſondern wobei man gleichzeitig auch eine Einzwängung des Denkvermögens, des prüfen⸗ den, zweifelnden Geiſtes(der ενις), in das aufgeſtellte Lehrſyſtem glaubte ver⸗ langen zu müſſen.

Un er Geſchlecht hat ſolchen Namens der Religion erhobenen, Anſpruch zu⸗ rückgewieſen, es hat ſich befreit von dem Joche des Dogmas, hat proteſtirt ge⸗ gen daſſelbe und fährt fort damit allen Anſprüchen gegenüber, welche dem Suchen nach Wahrheit nicht volle Berechtigung zugeſtehen. Aus der Wahrheit ſein und Wahrheit ſuchen bedeutet daſſelbe, und wer die Wahrheit ſucht im Makro⸗ kosmos der Sinnenwelt, der hat damit auch das Organ für das Vernehmen der ſittlichen, alſo göttlichen, Wahrheit erſchloſſen.

Raſtloſer Forſchungseifer im Unterſuchen der Lebewelt der Jetztzeit, wie der in den Ueberreſten und Verſteinerungen erkannten Thierweſen der Vorzeit, ha⸗ ben Zweifel geweckt an der lange geltenden und mit dem Anſpruch zweifelloſer Gewißheit*) ſich behauptenden Anſicht, daß die unendliche Arten⸗Mannigfal⸗ tigkeit im Pflanzen⸗ und Thierreich bereits mit dem Beginn ihrer Schöpfung, durch den Machtſpruch des Schöpfers, eingetreten und entſtanden ſei; daß ſie ſich bis zur Gegenwart unverändert erhalten habe und ebenſo ewig forterhalten werde. Was die älteſten griechiſchen Philoſophen, die Hyliker**), intuitiv ahnten und phantaſiereich in ſchönen Vorſtellungs⸗Geweben zur Anſchauung erhoben, die Lehr⸗ ſätze, welche damals, ohne Beweisführung, zur Erklärung des Natur⸗Werdens aufgeſtellt wurden, der Gedanke nämlich einer allmähligen Entfaltung und ſucceſſiven Entwicklung aus urſprünglich undifferenzirter Embryonal⸗Anlage, iſt in unſerem Jahrhundert, auf der ſpliden Unterlage reichen Wiſſens⸗Materials, zu ſeinem Recht gekommen.

Die franzbſiſchen Naturforſcher Lamarck und St. Hilaire ſind die Bahn⸗ brecher der, nach ihrem hervorragendſten Vertreter genannten, Darwiniſtiſchen Na⸗ turauffaſſung.**) Aus der Einheit der unentwickelten Urart leitete ſich, nach

*)Species tot sunt, quot diversas formas ab initio produxit infinitum ens. Linné.

*) weil ſie von einem Princip der Materie(ÖXn) die entſtandene Welt ableiteten. *n) Im Einklange mit der Lehre Darwin's und im Gegenſatz zu den plutoniſtiſchen Theorieen L. v. Buch's und E. de Beaumont's begründete der engtiſch Naturforſcher Lyell eine neue Theorie der Erdgeſchichte. Er verſuchte den Nachweis zu führen, daß es zur Erklärung der geologiſchen Entwicklungsgeſchichte der Erde keiner Annahme grundſtürzender Vernichtungs⸗ kataſtrophen und neuſchaffender Schöpfungsepochen bedürfe, wie die genannten Geologen, im Anſchluß an Cuvier Lehre von der Unabänderlichkeit der Arten, behaupteten, daß vielmehr die in der Jetztwelt wirkenden Kräfte und ſtattfindenden Vorgänge genügend lange Zeit wirkend gedacht ausreichend ſeien, das allmählige Gewordenſein der Geſtein-Lagerungen und ihrer Einſchtüſſe zu erklären. Cf. Lyell, principles of geology. Lyell, antiquity of man.