Aufsatz 
Die Naturwissenschaften in ihrer Bedeutung für das geistige Leben der Gegenwart
Entstehung
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auf das geſammte Culturleben, daß auch die Zwecke der Bildung und Erziehung ihrer Einwirkung ſich nicht zu entziehen vermögen.

Wie hat ſich doch der Horizont des Wiſſens auf dieſem Gebiete erweitert, wie ſind die Geſtalten innerhalb ſeines Kreiſes heller, beſtimmter und farbenreicher aufgetaucht aus dem Nebel der Unwiſſenheit und des Vorurtheils. Zerſtört und aufgelöſt im Aether einer neuen Weltanſchauung ſind die ſchwebenden Wolken gebilde des Irrwahns und Aberglaubens, ungeahnte Welten beleuchtet der Helios der Forſchung und das entzückte Auge des Denkers ſieht und lieſt ihre Geheim niſſe. Aus den Gräbern und Todtengebeinen, dem Schutt und Staub der Vor⸗ welt, ſproßt ihm neues Leben, ihre Trümmer und Ruinen werden ihm Orakel, die er befragt und, in nicht ermüdendem Wiſſensdrang, zu deutlichen Offen⸗ barungen zu zwingen verſteht. Die Nebelflecken am Firmament, wie die Schimmel flecken auf der Weinbeere erſchließen ſich als Erkenntnißquellen des einen Kos mos, gleichmäßig wunderbar und ſchön geordnet dem Teleſkop wie dem Mikro ſkop gegenüber.

Es gab eine Zeit in der Geſchichte der griechiſchen Philoſophie, wo ganz ernſtlich von hervorragenden Philoſophen die Frage discutirt wurde, ob die Sin⸗ nenwelt wirklich exiſtire. Parmenides aus Elea und mit ihm die geſammte Eleatiſche Schule ſetzte die ganze Kunſt dialectiſcher Beweisführung daran, die Unweſenhaſtigkeit der ſinnlichen Scheinwelt nachzuweiſen. Zeno, der Eleat, bewirkte durch ſeine merkwürdigen Schlußfolgerungen, die auf Vernichtung alles Wiſſens gerichtet iſt, welches auf ſinnlichem Boden erwachſen, den heftigen Rück⸗ ſchlag in der damaligen Philoſophie, der in der Atomiſtik Demokrit's aus Abdera zum Ausdruck kam. Die einſeitige geiſtige Dispoſition, welche im Elea tiſchen Spiritualismus Geltung gewonnen, ohne den philoſophiſchen Geiſt zu befriedigen, weckte den polariſchen Gegenſatz, den Materialismus. Mancher Vergleichungspunkt zwiſchen dem Alterthum und der neueſten Culturgeſchichte wird in der Gegenüberſtellung der Schelling-Hegel'ſchen und Schopen⸗ hauer⸗Hartmann'ſchen Philoſophie dargeboten. So wenig die genannten Syſteme der Geſammtheit geiſtiger Vermöͤgen und Seelenkräfte auf die Dauer Rechnung zu tragen im Stande ſind, ebenſowenig konnten im Alterthum die angeführten ſpeculativen Orientirungsverſuche dauernden Erfolg erwarten. Die Frivolität der Sophiſtik brachte vollends das Bedürfniß einheitlicher Idealität für ſpeculatives und praktiſches Geiſtesleben zur Herrſchaft. Socrates, Plato und Ariſtoteles charakteriſiren ſich in ihrer Philoſophie als die Dreieinigkeit der idealiſtiſchen, realiſtiſchen und ethiſchen Lebensgrundlagen. Ariſtoteles vor Allem wies den Unterſuchungen, die Plato's Ideenlehre auf Abwege zu führen drohte, die Grenzen an, innerhalb deren die Naturforſchung ſich zu bewegen hat.

Die Gegenwart verſteht kaum, wie es Zeiten gegeben hat, in denen man die Welt ſinnlicher Anſchauung und Empfindung hat mißachten oder gar leugnen können. Wird doch die aufgenommene Erkenntniß der Natur gleichzeitig zur anregenden und Leben ſchaffenden Keimkraft für den eigenen ſubjectiven Geiſt. Warum aber gewinnt die Sinnenwelt dieſe Bedeutung? Zunächſt doch jeden⸗ falls deßhalb, weil wir vertrauen, daß ſie exiſtirt, 8 wir an ihre Exiſtenz glau⸗ ben, weil wir ſie für eine ewige, wahrhaft ſeiende halten, weil das Weltbewußt⸗ ſein in lebendigem Verband ſteht mit dem Selbſtbewußtſein.

Lange Zeit fand dieſer Glaube ſeinen Ausdruck in der unbeſtrittenen Form: Gott hat die Welt geſchaffen. Für die Erkenntniß und das Verſtändniß dieſer