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heurer. Hunger und Seuchen, soziale und politische Nöte hatten die Zeit reifen lassen für das grosse kirch- liche Abenteuer. So erhob sich jetzt das Landvolk in Masse, ganze Dörfer wanderten aus: Männer, Weiber, Kinder.
Peters Ansehen muss damals sehr gross gewesen sein. Ein Zeitgenosse— ein hoher Würden- träger der französischen Kirche,¹o der am Konzil zu Clermont teilgenommen und vielleicht Peter selbst gesehen hat— muss bekennen, er könne sich nicht erinnern, je einen Menschen gesehen zu haben, dem man grössere Ehre erwiesen; das Volk, das ihm in ungeheurer Zahl angehangen, habe ihn mit Geschenken über- häuft und für einen Heiligen gehalten, dessen Worte für Aussprüche des Himmels galten. Späterer Uben- lieferung zufolge soll die masslose Verehrung, die das Landvolk seinem Heiligen zollte, sich sogar auf den Esel erstreckt haben, den er ritt: die Haare, die man dem Tiere heimlich auszog, sollen als Reliquien gegolten haben.— 4
Nach allen Quellen war der Einsiedler ein Mann voll Feuer und Leben, kräftig und durchfahrend, schnell entschlossen, von rücksichtsloser Energie und vor allem ein Meister in der volkstümlichen, hin- reissenden und begeisternden Beredsamkeit. In Speise und Trank äusserst mässig, verwandte er die ihm reichlich zufallenden Geschenke, um die Not, wo sie ihm begegnete, nach Kräften zu lindern, namentlich aber, um gefallenen Weibern durch eine Aussteuer die Ehe und dadurch die Vorbedingung zur sittlichen Besserung zu schaffen. Ausserdem soll er mit lobenswertem Eifer und gutem Erfolg bemüht gewesen sein, entzweite Ehegatten mit einander zu versöhnen. Seine äussere Erscheinung war auf den ersten Blick wenig eindrucksvoll: eine magere, kleine Gestalt, in wollenem Unterkleid und darüber geworfener, rauher Kutte, stets barfuss. Denken wir uns freilich diesen Mann, wie er auf seinem Esel sitzend mit flammendem Auge und mit gewaltiger Beredsamkeit seinen Hörern die Erniedrigung und die Herrlichkeit der heiligen Stätten schildert, so begreifen wir schon, wie er in verhältnismässig kurzer Zeit Tausende und Abertausende, denen ohnehin die Heimat verleidet war, mit sich fortreissen konnte.—
In verhältnismässig kurzer Zeit: denn schon um Mitte März 1096 ist Peter mit seinem Bauern- heer aus Nordfrankreich aufgebrochen.¹! Vom 12. bis zum 19. April des Jahres weilte er predigend in Köln, 12 um dann durch Süddeutschland weiter zu ziehen. An den Judenverfolgungen, die anlässlich der Kreuzzugsbewegung im Jahre 1096 namentlich in den rheinischen Städten ausbrachen, sind Peter und die ihm Anhängenden erwiesenermassen nicht beteiligt gewesen. Die angedeuteten Gewaltthaten wurden erst verübt, als der Eremit und sein Heer bereits den deutschen Boden verlassen hatten.,,
Nicht bloss Deutschland, auch Ungarn, und nach den meisten, hier übrigens sehr wortkargen Quellen, selbst Bulgarien hat Peter ohne Verlust durchzogen. Nach einer Quelle nur— es ist derselbe Albert, der über seine Vision berichtet und dessen Glaubwürdigkeit noch nicht genügend nach Mass und Umfang festgestellt ist— hätten die Peterschen Scharen auf der Strecke Belgrad-Nisch schwere Verluste erlitten.1³ In Konstantinopel, wo man am 30. Juli 1096 ankam, ¹¹ vereinigte sich mit dem Heere des Ere- miten eine zahlreiche Schar, die schon früher aus der Lombardei dort eingetroffen war.¹5 Nach wenigen Tagen schon mussten die Pilger auf Befehl des Kaisers, ¹6 dessen Unterthanen unter der Zuchtlosigkeit der Abendländer schwer litten,¹7 auf das asiatische Ufer übersetzen. Sie bezogen dort an der Küste der Pro- pontis zwischen Nikomedien und Nikäa ein festes Lager. 1s Alexius, der den Eremiten in Audienz empfangen¹⁹ und sehr ehrenvoll behandelt hatte, riet— in Erkenntnis der Unzulänglichkeit dieser Scharen— die Ankunft der grösseren Heere abzuwarten und erst mit diesen vorzugehen. Peter scheint verständig genug gewesen zu sein, sich diesem Rate nicht zu verschliessen. Es zeigte sich aber bald, dass er seine Leute wohl zu- sammenzubringen vermocht hatte, dass er aber ganz ausser stand war, sie dauernd im Zaum zu halten. Zunächst wurde die Umgebung des Lagers ausgeraubt, 2o dann machte eine grössere Streifschar einen glück- lichen Beutezug bis Nikäa, 2t und gleich darauf rückte— trotz allen Gegenredens des Eremiten— eine zweite Schar aus, um ebenfalls der Beute- und Plünderungslust zu fröhnen. 22 Da riss dem mönchischen Führer die Geduld: er erkannte, wie eine zeitgenössische Quelle²s sich ausdrückt,„dass diese Leute sich nicht mehr von ihm leiten lassen wollten“, und kehrte voll Unmut nach Konstantinopel zurück. Jene Schar rannte wirklich, wie Peter vorausgesehen, in ihr Verderben,2t aber auch das Hauptheer, das schliesslich aus dem Lager gen Nikäa vorrückte, wurde vom Feind überfallen und leicht geschlagen. 25 Gleich darauf eroberten die Seldschuken das christliche Lager und richteten dort ein furchtbares Blutbad an. Nur etwa dreitausend der Christen retteten sich in ein nahegelegenes Kastell. Dort von den Türken belagert und bereits aufs äusserste gebracht, sollen sie durch die Hilfe, die ihnen ihr alter Führer bei dém griechischen Kaiser erwirkte, noch gerettet worden sein. 22
Das Verhalten Peters in der Audienz, durch welche er den Kaiser um Rettung des Restes seiner Genossen anging, ist charakteristisch: Alexius, anscheinend schlecht unterrichtet, machte dem Eremiten Vorwürfe, dass er seine guten Ratschläge nicht befolgt habe, worauf Peter erwiderte: nicht er sei schuld and dem Unglück, sondern die Pilger selber, die sich von ihm nicht hätten leiten lassen wollen; dieselben seien Räuber und Mordbrenner gewesen und deshalb nicht würdig befunden worden am Grabe des Heilandes


