Aufsatz 
Peter von Amiens : ein Bild aus dem ersten Kreuzzuge / vom ... Heinrich Franz
Entstehung
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zu beten. Die Art, wie der Eremit sich rechtfertigte und alle Schuld auf die Zügellosigkeit der Pilger schob, mag, seinem ungestümen Wesen entsprechend, sehr schroff und rücksichtslos gewesen sein, denn Anna nennt ihn mit Bezug auf sein Benehmeneinen aufgeblasenen Lateiner.

Der nach Konstantinopel gebrachte geringzählige Haufen der Geretteten löste sich bald nahezu auf. Die meisten verkauften ihre Waffen und kehrten gänzlich entmutigt in die Heimat zurück. Nicht so Peter. Er ist in Konstantinopel geblieben und hat sich den Heeren der Kreuzfürsten, wahrscheinlich dem- jenigen Gottfrieds von Lothringen, angeschlossen. Mit dem so ruhmlosen Untergang seines Heeres ist Peters grosse Rolle ausgespielt, in dem grossen Pilgerheer behauptete er nur noch eine untergeordnete Stellung. Erst im Lager vor Antiochien, welche Stadt die Pilger quer durch Kleinasien ziehend am 21. Oktober 1097 erreichten, taucht er wieder auf. Die Erwähnung, die ihm hier zu teil wird, ist indessen keineswegs ehren- voller Art. Im Winter 1097/98 nämlich litt das vor Antiochien liegende Heer übermässig durch Krank- heit und Hunger, so dass viele Pilger nach Cypern und Cilicien entwichen. Unter diesen Flüchtlingen befand sich zusammen mit einem vornehmen Manne des Heeres auch Peter der Eremit. Beide Ausreisser aber wurden von dem Fürsten Tancred, dem ihre Flucht verraten worden war, eingeholt und in das Lager zurückgebracht. Peters Genosse verfiel in eine schimpfliche Strafe. Von dem Einsiedler wird derartiges nicht berichtet. Es scheint demnach, dass er ohne Strafe geblieben ist. 26.

Mit dem Beginn des Frühjahrs 1098 besserten sich die Gesundheits- und Verpflegungsverhältnisse im christlichen Lager. Es gelang, die Stadt völlig einzuschliessen, ja, am 3. Juni 1098 bemächtigte man sich derselben durch Verrat. Bekannt ist, wie gleich darauf die Pilger in dem eroberten Antiochien durch ein übermächtiges Türkenheer eingeschlossen wurden und in eine Not gerieten, die grösser war als sie je zuvor erlebt. Peter hat diesmal getreulich ausgehalten, und als man sich endlich zum Ausfallen entschlossen hatte, es aber doch für rätlich hielt, vorher noch den Weg der Unterhandlung zu beschreiten, da übernahm Peter den heiklen Posten des Führers der. Gesandtschaft. Die Quellen 27 lassen den Eremiten dem Türken- feldherrn Kerbuga gegenüber eine sehr kräftige Sprache führen. Viel davon wird Uebertreibung sein, immer- hin kann die Mission selbst als Beweis gelten für den Mut, der Peter beseelte und der ihn nur einmal während der Notzeit im Winter 1097/98 verlassen hatte. Was die christlichen Fürsten durch diese Gesandtschaft erreichen wollten, erhellt aus zwei einander ergänzenden Quellenberichten. 2s Darnach darf es als ziemlich zweifellos hingestellt werden, dass sie den durch Hunger geschwächten Kräften ihrer Kämpfer misstrauend, dem Kerbuga zwecks Entscheidung des Besitzrechts über Antiochien einen Kampf zwischen fünf, zehn oder hundert Christen und ebensoviel Sarazenen vorgeschlagen haben. Sicher ist, dass die Ver- handlungen zu einem Ergebnis nicht geführt haben, so dass die Christen am 28. Juni 1098 zur Schlacht ausrückten und wunderbar genug einen glänzenden Sieg erfochten.

Erst Ende des Jahres haben dann die ersten Haufen der Christen Antiochien verlassen, um, nach abermaligem Zögern vor der Stadt Maara, dem Endaziel zuzurücken. Lange wurden die Pilger noch durch den begehrlichen Ehrgeiz des Grafen von Toulouse vor dem tripolitanischen Schlosse Irkah festgehalten (14. Februar 13. Mai). Hier begegnen wir auch dem Peter wieder: eine Quellez? berichtet, dass der- selbe während dieser mühe- und verlustreichen Belagerung zum Armenpfleger ernannt worden sei. Als solcher habe er die Hälfte des von den Wohlhabenden im Heer erhobenen Zehnten an die Bedürftigen unter dem Klerus und den Laien verteilt. G

Nach Einstellung der Berennung von Irkah ist das Kreuzheer unaufhaltsam weitergezogen bis vor Jerusalem(13. Mai 7. Juni) und hat am 15. Juli 1099 die heilige Stadt erobert.

Schon schickten sich die meisten Pilger zur Heimkehr an, als die Nachricht eintraf, ein ägyptisches Heer zeige sich in der Gegend von Askalon. Während nun die Waffenfähigen ausrückten, blieb Peter in Jerusalem, um die gottesdienstlichen Uebungen zu leiten, durch welche die dort zurückgebliebenen Geist- lichen, Kranken und Schwachen den Schutz und die Hilfe Gottes erflehten. Dies ist die letzte wirklich zu- verlässige Nachricht über den Einsiedler. 30 Man darf vermuten, dass er nach der Schlacht bei Askalon (12. August 1099) gleich den meisten Kreuzfahrern im September 1099 heimgekehrt ist. Nach einer zu Gembloux(zwischen Brüssel und Namür) geschriebenen Chronik wäre er erst im Jahre 1115 in einem von ihm zu Huy bei Lüttich gestifteten Kloster gestorben.

Das Vorstehende zeigt uns Peter als einen Mann, dessen geistige Bedeutung nicht gross ist, der aber durch die Glut, mit welcher er einen grossen Gedanken erfasste, und durch die Energie, mit der er denselben zu verwirklichen suchte, sich einen dauernden Platz unter den merkwürdigen Männern seiner erregten Zeit gesichert hat. Hat er auch nicht, wie die landläufige Ueberlieferung will, die Kreuzzugsbewegung entfesselt, so hat er doch dieselbe durch sein thatkräftiges Eingreifen gefördert und so unbewusst an einer Bewegung mitgearbeitet, die bestimmt war, das gesamte christliche Abendland kulturell zu fördern und die geistige und kirchliche Befreiung desselben einzuleiten. Seine Persönlichkeit aber kann gewissermassen als Typus für die Zeit angesechen werden: eine wunderbare Mischung religiöser Inbrunst und weltlicher Roheit, kleinmütiger Verzagtheit und felsenfesten Heldenmuts.