Aufsatz 
Die Sorge des Fürsten Georg Friedrich zu Waldeck und Pyrmont um die Sicherung des territorialen Bestandes der Waldeckischen Besitzungen / vom Rud. Flade
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die jüngere Urſula dieſelbe gegen Auszahlung von 27000 Rthlr. ganz behalten ſolle, das Erbrecht der Walpurgis aber nach dem Hörterſchen Vertrag durch dieſen Vergleich nicht berührt werden ſolle. So nahm die jüngere Schweſter die ganze Grafſchaft ein und brachte dieſelbe ihrem Gemahl zu. Der Biſchof von Paderborn erklärte zwar, daß nach dem Tode des Grafen Philipp Pyrmont ein an Paderborn heimgefallenes Lehen ſei, und forderte den Grafen Hermann Simon zur Lehens⸗Empfängnis auf, doch dieſer proteſtierte dagegen, indem er ſich auf den Hörterſchen Vertrag berief, nach welchem er eine ganz neue Belehnung nicht anerkennen wollte. Dasſelbe that ſeine Gemahlin Urſula, als nach Hermann Simons Tode 1580 der Biſchof von Paderborn von deſſen einzigem noch minderjährigem Sohne Philipp II. die Belehnung verlangte.

Doch nicht lange ſollte Pyrmont bei Lippe bleiben. Der junge Graf Philipp wurde plötzlich auf einer Reiſe, die er mit Heinrich, dem Erzbiſchof von Bremen und Adminiſtrator von Osnabrück und Paderborn, nach Köln machte, in Deutz am 12. Februar 1583 von einer Krankheit ergriffen. Seine Mutter eilte zu ihm, fand ihn aber ſchon tot. Die raſche Reiſe und der Schmerz über den Tod des einzigen Kindes warfen auch ſie aufs Krankenlager, und ſie ſtarb am 6. März, nachdem ſie vorher ihre Schweſter Walpurgis, die verwitwete Gräfin von Gleichen, zu ſich gerufen und ſie gemäß dem Hörter⸗ ſchen Vertrag als alleinige Erbfolgerin erklärt hatte. Walpurgis blieb auf dem Schloſſe Pyrmont, nahm die Pyrmontiſchen Beamten und Diener aufs neue in Pflicht, und die Unterthanen legten ihr gutwillig die Huldigung ab. Das Stift Paderborn erhob natürlich wieder Anſprüche und erklärte Pyrmont für ein erledigtes Mann⸗Lehen. Heinrich, der kriegeriſche Erzbiſchof von Bremen und Adminiſtrator von Paderborn, rüſtete, um ſich mit Gewalt in Beſitz der Grafſchaft zu ſetzen. Aber auch Walpurgis wollte ſich nicht ſo ohne weiteres ihres rechtmäßigen Erbes berauben laſſen und nahm gleichfalls über 900 gewappnete Männer in Schloß und Grafſchaft Pyrmont ein. Der Herzog Philipp von Braunſchweig⸗ Grubenhagen mit den Herren von Saldern, von Münchhauſen und anderen vom Adel kamen ihr zu Hülfe. Schon lagen die Paderborniſchen vor dem Schloſſe Pyrmont, Erzbiſchof Heinrich forderte per⸗ ſönlich den älteſten der Söhne der Gräfin Walpurgis, Philipp Ernſt, zum Zweikampfe heraus, da legte ſich Landgraf Wilhelm von Heſſen⸗Caſſel ins Mittel und brachte erſt einen Waffenſtillſtand, dann zu Hörter am 1. Februar 1584 einen Vertrag zu Stande. Nach demſelben ſollte die Gräfin Walpurgis, bis man ſich in dieſer Sache in Güte oder durch Rechtsſpruch verglichen habe, im Beſitz von Pyrmont bleiben, während das Amt Lüde von Paderborn beſetzt gehalten werden ſollte.

So kam Pyrmont an das Gleichenſche Haus, doch ſollte es nicht lange in dieſem Verhältnis bleiben, Walpurgis ſtarb 1599, und ihr folgten ihre beiden Söhne Philipp Ernſt und Hans Ludwig. Beide waren die letzten ihres Geſchlechtes und lebten in kinderloſer Ehe. Sie ſtanden in freundſchaftlichem Verkehr und in verwandtſchaftlichem Verhältnis zu den Grafen von Waldeck, denn ihre Stiefſchweſter Gräfin Margarethe war die Gemahlin des Grafen Günther von Waldeck von der älteren Wildunger Linie ge⸗ weſen.¹) Daher vermachten ſie in einem Teſtament vom Jahre 1619 den Brüdern Graf Chriſtian zu Waldeck⸗Wildungen und Graf Wolrad zu Waldeck⸗Eiſenberg ihre Grafſchaft Pyrmont und die Herrſchaft Tonna in Thüringen. ²) Jedoch behielten ſich die Grafen von Gleichen vor, die Grafſchaft Pyrmont mit 20000 Thlr. zu belaſten, und ſtellten die Bedingung, daß, wenn einer oder der andere der Grafen oder ihrer Erben und Nachfolger von dem evangeliſchen Glauben abfallen ſollte, derſelbe der Grafſchaft verluſtig gehen und ſie dem treu gebliebenen Teile zufallen ſollte.

Die Grafen Chriſtian und Wolrad erklärten ſich bereit, das Erbe zu übernehmen, und nachdem Graf Philipp Ernſt noch in demſelben Jahre 1619 geſtorben war, überließ Johann Ludwig noch bei

¹) Varnhagen II, S. 83.

²) Tonna iſt ſpäter ſeiner abgelegenen Lage wegen, und weil ſich ihretwegen ein Streit mit dem Herzog von Sachſen⸗Altenburg erhoben hatte, verkauft worden. Vietor, op. decision. decis. V.