Aufsatz 
Die Sorge des Fürsten Georg Friedrich zu Waldeck und Pyrmont um die Sicherung des territorialen Bestandes der Waldeckischen Besitzungen / vom Rud. Flade
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leib und leben zu richten, Mord, Zauberei, Straſſenraub und dergleichen Uebelthat zu ſtraffen, Gebott, Verbott, Gericht, Recht, Bergwerk, maſt, atzung, Wildbahn, Fiſcherei, Buß, Straff, Rente, Zinſe, Beede, Landſteuer, Schatzung, Rauchhüner, Klockenſchlag, Folge, Fronen, Hand⸗ und Pferdedienſt, und in summa alle jura territorii verübet, geſtalt ſolches die Pfandbrieffe, Regiſter und Aufſag bezeugten. Vermöge welches juris territorialis die Unterthanen der örter zu Nördernau und im Grund Aſtinghauſen den Graffen zu Waldeck in allen begebenen Fällen, alß ihren Land⸗ u. Erbberrn gehuldigt, gelohet und geſchworen, getreu und huld zu ſeyn, und alles zu thun, was Unterthanen ihren Oberen zu thun oblieget. ¹)

So übten die Grafen von Waldeck in dem ihnen zugefallenen Teil der alten Grafſchaft Rudensberg unzweifelhaft die volle Oberlehnshoheit aus. Aber auch hier trat ihnen das Erzſtift Köln mit ſeinen Anſprüchen entgegen. Das Haus der Grafen von Arnsberg war ausgeſtorben und ihr Gebiet an Kur⸗ Köln gekommen. Die Erzbiſchöfe von Köln machten nun ſofort Anſprüche auch auf den Waldeckiſchen Teil der alten Grafſchaft Rudenberg, indem ſie den Zuzug einiger leibeigner Leute in den Aſtinghäuſer Grund und einige Sonderrechte, welche dem Gaugericht Brilon zuſtanden, zum Vorwand dafür nahmen. Im Grunde war es aber nur das Beſtreben, den evangeliſchen Glauben auch dort wieder auszurotten. Im Jahre 1554 bemächtigten ſie ſichunter dem ſchein deß Kirchen⸗rechts und Geiſtlichen Chriſams der weltlichen Obrigkeit. Die Waldeckiſchen Grafen ſetzten Gewalt gegen Gewalt, aber es war ihnen nicht möglich, ihr Recht zu behaupten. Es war in derſelben Zeit, wo ihnen auch die Herrſchaft Düdinghauſen angefochten wurde. Sie wandten ſich an den Kaiſer und erlangten auch mehrere Mandate vom Kaiſer⸗ lichen Kammergericht gegen Kur⸗Köln. Aber wenn nun auch der damalige Erzbiſchof Ruhe hielt,

ſo baben doch die nachfolgere mit neuen eingriffen der Vorſaſſen Fußſtapffen inhaeriret, und mit rauher Hand, als die mächtigſte und ſtärkſte, die Herren Graffen herauß zu ſtoßen ſich embſiglich bemühet.

Verſchiedene Nachbarn und gute Freunde des Waldeckiſchen Hauſes, namentlich der Graf Wilhelm von Naſſau, verſuchten bei dieſen Drangſalen, die über die Aſtinghäuſer Grund gekommen waren, eine güt⸗ liche Vermittlung zu treffen und ſowohl den Waldeckiſchen Grafen ihren Beſitz als auch den Einwohnern ihre Freiheit und vor allem ihren evangeliſchen Glauben zu retten. Doch alle Bemühungen waren um⸗ ſonſt, was die Kölner genommen hatten, das hielten ſie feſt. Endlich wurde von den Grafen Chriſtian und Wolrad im Jahre 1609 ein Vergleich mit Kur⸗Köln abgeſchloſſen, in welchem dieſelben auf den Beſitz der Grafſchaft Aſtinghauſen mit Vorbehalt einiger unbedeutender Gerichtsbarkeiten und Renten ver⸗ zichteten. Im Vertrage von 1663 wurde dieſer Vergleich lediglich nochmals beſtätigt. Es war eben auch einem Grafen Georg Friedrich nicht möglich, alt gewordene wenn auch völlig berechtigte Forderungen gegen einen übermächtigen Gegner durchzuſetzen. Der betreffende Artikel des Vertrages von 1663 lautet folgendermaßen: Weilen auch wegen der Grund Aſtinghauſen und darauf praetendirter Gräfl. Waldeckiſchen hohen Obrigkeit allerhand Bedenken vorkommen, ſo iſt nach derſelben Erwägung dieſes Puncts Erledigung zu folgender Vermitt⸗ lung geſtellt, daß dero Graffſchafft Waldeck das freie Stuhl⸗Gerichte mit demjenigen, was vermög der Reichs⸗ Conſtitution, auch Reformation gebörig, und dann zur Einbringung der erkannten Freveln, Brüchten und Buſſen, auch jährlichs fälliger Renthen, Zinſen, Zehnden und Dienſten, ſo wohl auff den Cöllniſchen Leuten, was deren auf den Freyen Stuhlsgütern geſeſſen, und denen Herren Graffen zu Waldeck zinsbar und pflichtig, als auf Waldeckiſcher Freyheit, ſo dann zu anderm Recht und Gerechtigkeit, was deren Waldeck in bemelter Grund Aſtinghauſen in genere oder in specie hergebracht, und zu denen im klaren geſtandenen oder ſonſten richtigen Schuld⸗Sachen, die Pfandung uud andere Execution und Zwangs⸗Mitteln, die hohe Landes⸗Ober⸗ und andere Ge⸗ rechtigkeit aber und was ſelbigen von Rechtswegen anklebt, dem Ertz⸗Stifft Cölln zuſtändig verbleiben ſolle. Nicht anders verhielt es ſich mit der Herrſchaft Canſtein. ²) Dieſelbe beſtand aus den 5 Dör⸗ fern Canſtein, Udorf, Heddinghauſen, Leitmar und Borntoſten; der ganze Diſtrikt wurde auch der große Hof Dorlar genannt. Auch über dieſe Herrſchaft übten die Grafen von Waldeck von Altersher die

Oberlehnshoheit aus. Um die Mitte des 13. Jahrh. ſaß auf derſelben Ludwig von Friedehardeſſen.

¹) Vietor, op. decis. pag. 246. ²) v. Klettenberg, Waldeckiſcher Helden⸗ und Regentenſaal. Kap. IX,§. 12, not. 6.