— 92— Vertrauen ist Friede“. Jeder besteht heute auf seinem vermeint- lichen„Rechte“, daſs dem Recht stets eine Pflicht gegenübersteht, hat nur noch im altgermanischen Recht eine Stelle; jeder hält seine Arbeit für die schwerste und klagt über sie. der sog. Ge- bildete meidet jede Berührung mit dem„gemeinen Mann“ und wenn einmal Einer von jenen eine Ausnahme macht, so begegnet er bei diesem nicht selten einer brutalen Zurückweisung. Weshalb dies Alles? Weil eben jeder nur das Seine sucht: das Lebensprinzip des Zeitgeistes ist die rücksichtsloseste Selbstsucht, diese furchtbare Menschengeiſsel, die eine Gottesgeiſsel, eine Zuchtrute ist, und, wenn sie als Zuchtrute auf das herzensharte Geschlecht nicht mehr wirkt, zur Vernichtungsgeilſsel wird.
Gegen ein solch satanisches Lebensprinzip kann nur das gött- liche Lebensprinzip helfen, und das ist kein andres als die Liebe. Sie ist das„Beste in der Welt“,— die Selbstsucht ist das Schlimmste
in der Welt—; sie bringt den„Frieden“— die Selbstsucht den Unfrieden—; sie bringt das„Schönste im Leben“— die Selbst-
sucht aber das Häſslichste.
Dieses Lebensprinzip der Liebe gilt es wieder in dieser Welt der Selbstsucht und des Unfriedens, in uns, in unsern Zöglingen ein- zupflanzen, oder alles wird Flickwerk, dessen Haltbarkeit zweifel- haft bleibt. Je mehr wir Lehrer uns mit Liebe erfüllen, desto mehr werden wir die Wahrheit des Göthe'schen Worts erfahren:„Man lernt von dem, den man liebt“. Und wie erlangen wir die Liebe? Indem wir die Werke der Liebe thun gegen alle Bedürftige, seien sie auch Unwürdige— wie würdig sind wir selbst?—, indem wir uns in Gottes Wesen versenken, das ja die Liebe ist, und uns in Seine Liebe vertiefen. Dann erhalten wir die Liebe, dieses Lebens- prinzip, welches ist das„Band aller Vollkommenheit“. Wie die Dunkelheit nur durch das Licht, die Kälte nur durch die Wärme, der Un- und Aberglauben nur durch den Glauben vertrieben wird, so die Selbstsucht nur durch die Liebe.—


