Aufsatz 
Staats-, Wirtschafts- und Sozialpolitik auf höheren Lehranstalten : ein Entwurf / von Karl Fischer
Entstehung
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ihm nur die Kombination der Individualanlagen des Zöglings, die er vor sich hat, mit den spezifischen Elementen des Orts- und Zeit- geistes übrig. Zu dieser Kombination ist er aber nur im Stande, wenn er nicht ploſs im Wissen und Glauben, sondern auch im Leben steht, und wenn er Geistes- und Wahrheitskraft genug hat, sich von Orts- und Zeitgeist zu isolieren, und zwar so, daſs er ihn weder zu dunkel noch zu licht ansieht, sowie daſs er nicht an Einzelerschei- nungen oder gar KXulserlichkeiten hängen pleibt. Daſs sonach die Erkenntnis des Zeitgeistes von grölster Bedeutung auch für den Er- zieher ist, liegt auf der Hand.

Wie gelangen wir aber zur Erkenntnis desselben?

Da Weisheit sich nicht aufdrängt, sondern gesucht sein will, so müssen wir auf die Suche gehen; und da der Zeitgeistim Grund der Herren eigner Geist ist, so müssen wir pei diesen herum- fragen und hören. Und was hören wir da? Die Eltern klagen über die Kinder und umgekehrt, die Schüler über die Lehrer und um- gekehrt, die Alten über die Jungen und umgekehrt; die Unteren über die Oberen, die Reichen über die Armen, die Meister über die Gesellen, die Arbeiter über dieUnternehmer, die Konsumenten über die Produzenten, die Gäste über den Wirt, die Herrschaften über die Dienstboten, die Unterthanen für dieses Wort muls man schon um Verzeihung bitten über die Obrigkeit und umge- kehrt; es ist ein Zustand, in dem Jedermann wider Jedermann ist, es ist der innere Krieg Aller gegen Alle; Adel vergoldet seine Stammbäume mit erheiratetem Mammon, Mammonsritter wollen auch wirkliche Ritter werden, Bürgerliche behängen sich mit gnädigen Titeln, jedes Dienstmädchen ist einFräulein, dazu will der Stand es dem andern gleichthun, der ihmüber ist: Luxus, Genuls-, Erwerbssucht überall. Und dabei klagen sie sich Alle an der Selbstgefälligkeit und Eitelkeit, der Hoffahrt, des Hochmuts, der Unbarmherzigkeit, der Ehrsucht, des Strebertums, der Habsucht, des Neids und Hasses; Bequemlichkeit, schlechte Launen, Unfreundlichkeit, Unruhe, Ungeduld, Unfriede, Zorn, Trotz, Eigensinn und Selbst- betrug, Arglist, Falschheit, Lüge und Ungerechtigkeit; Zweifelsucht, Hohn, Beschimpfung, Gedankenlosigkeit, Dumpfheit und Stumpf- heit scheinen unsre Zeit zu erfüllen; Misstrauen gilt für ein nôtiges Erforderniss, Glauben und Vertrauen für eine Thorheit. Und hat uns nicht Schiller in Wallensteins Tod längst gelehrt, dalsKrieg ist ewig zwischen List und Argwohn, nur zwischen Glauben und