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freudigen Gehorsam, der sich selbst zu zügeln sucht; Zufriedenheit des Herzens, Strebsamkeit, die sich nicht auf das KAulsere richtet und an ihm hängt, individuelle Kraft und Bestimmtheit ohne Über- hebung und Selbstverblendung; nur eine Erziehung, welche des Be- rufers nicht vergffst, kann Neigung zum Berufe erkennen und för- dern, denn ohne Berufer giebt es keinen Beruf, wie es keinen Ruf ohne Rufer geben kann.
Die Erziehungsobjekte sind durchweg unmündig; man hat aber die Stufen der Unmündigkeit wohl zu berücksichtigen und dem- entsprechend namentlich die Erziehungsmittel zu modifizieren; die Erziehungsobjekte sind aber auch nicht isoliert, sie stehen in Be- ziehung mit ihrer Umgebung, und in welchem Grade diese wirkt, lehrt die Biologie. Nun sind aber Unmündige insofern jenen Ein- wirkungen weniger unterworfen, als die Umgebung sich an ihnen noch nicht hat auswirken können, sie sind es aber in höherem Grade, weil sie jenen Einwirkungen keinen selbstbewufsten Willen, keinen Charakter, keine klare Lebenserfahrung entgegensetzen können. Aut diesen beiden Thatsachen beruht die Möglichkeit der Erziehung, wie ihre Notwendigkeit.
Da erfahrungsmälsig der Zögling individuelle Anlagen mitbringt, so muſs der Erzieher diese zuerst verstehen lernen. Hierbei hat er sich aber vor allem vor der systematischen Psychologie zu hüten, die nur gewisse allgemeine Sätze lehren kann und im Übrigen voll Irrtümer steckt, hier kann nur die empirische Psychologie helfen; und je mehr der Lehrer von dem Lebensprinzip der Liebe, also auch der Wahrheit, der Vorurteil- und Selbstlosigkeit erfüllt ist, desto mehr eignet ihm der identifikatorische Blick, der Tief- und Durch-, der Wahrheitsblick. Der Erzieher hat sich aber auch vor der oberflächlichen Vererbungstheorie zu hüten, welche ohne weiteres die Eigenschaften der Eltern in den Kindern sucht; dals dies ganz verkehrt ist, hat in der neuesten Zeit besonders Weismann bewiesen.
Fragt sich der Erzieher nun nach den Eigenschaften der Um- gebung, die auf seinen Zögling einwirken, so kommen aulser der Schule entscheidend in Betracht: Familien-, Orts-, Zeitgeist. Je genauer der Erzieher Eltern und Voreltern seines Zöglings kennt, desto sicherer kann er auf die spezifischen Wirkungen der Ver- erbung bzw. Veranlagung schliefsen und darnach seine Thätigkeit einrichten; ist ihm dies nicht oder nur in ganz oberflächlicher Weise möglich— bei grolsen Anstalten ist jenes die Regel— so bleibt


