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sein, und ihm wird Ostermann und Genossen folgen müssen. Dazu bedarf es allerdings eines vollständigen Bruchs mit der heutigen Lehrmethode in den alten Sprachen. So wenig als ein formulierter philosophischer oder sozialpolitischer Katechismus das betreffende Verständnis erzielen kann, so wenig kann es ein grammatischer; Erkenntnis erzielen und Erkanntes im Gedächtnis aufspeichern sind sehr verschiedene Dinge. Und wenn in den alten Sprachen jene er- zielt werden soll, dann mulſs ¹) der„ganze Grammatizismus“ samt „lateinischer Imitation“ und dem gedankenlosen und leeren Satzhäcksel über Bord. Dann, aber auch nur dann wird der Unterricht in den klassischen Sprachen die oben bezeichneten Früchte des Geistes und des Herzens auch seinerseits wachsen und zeitigen helfen.
3. Kapitel. Die Erziehung.
Was ich an der Spitze des vorigen Kapitels ausgesprochen habe, gilt in noch erhöhtem Maſse für die Erziehung, für welche das Christentum nicht blols Zweck und Ziel, Methoden und Mittel, son- dern auch die Kräfte darbietet. ²) An dieser Stelle kann ich nur einige Punkte zur Erwägung stellen.
Je geringer der Anteil der öffentlichen höheren Lehranstalten an der Erziehung ist und, wie die Sachen heute liegen, nur sein kann, desto genauer müssen die an ihnen wirkenden Lehrer ihre Er- ziehungsobjekte zu kennen suchen, desto sorgfältiger ihre Erziehungs- mittel— zu denen ihre Unterrichtsmethode wesentlich gehört— abwägen, desto zweckmälſsiger sie anwenden. Die hier in Betracht kommenden Erziehungsmittel sind nur wenige. Sie sind— aulser der Methode—: das Beispiel, Lob, Lohn, Verheiſsungen, Warnungen, Belehrungen, Zurechtweisungen, Bedrohung, Strafe, es sind also Liebe und Furcht, aber keine Affenliebe und keine knechtische Furcht, sondern die rechte Liebe, die sich zum Strafen zwingt, wenn sie es für nötig hält, die kindliche Furcht, die sich scheut, dem Geliebten etwas zu Leid zu thun oder zu unterlassen. Solche Erziehung bringt
¹) Vergl. Frick, Lehrproben, Heft 28, S. 89 ff. 2) Vergl. mein früher zitiertes Buch S. 74 ff.


