Aufsatz 
Hat Kaiser Friedrich I. vor der Schlacht bei Legnano dem Herzog Heinrich dem Löwen sich zu Füßen geworfen? Eine historisch-kritische Untersuchung
Entstehung
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Goethe's Verfahren ist eigentlich die wahrste und reinste Poesie; denn diese soll uns alles concret und sinnlich- anschaulich, gleichsam plastisch darstellen, und er steht in dieser Hinsicht höher als Schiller; aber er bedarf auch, um verstanden zu werden, mehr Zeit, männliche Ruhe und Geduld. Goethe's Poesie scheint mir mehr einem mild strahlenden Lichte vergleichbar, das ruhige Klarheit und anhaltende Wärme nicht plötzlich, sondern erst allmählig ausströmt; Schillers Dichten einem Blitze, der rasch vom Himmel flammt und augenblicklich den ganzen Menschen durchzuckt; dennalles Göttliche auf Erden Ist ein Lichtgedanke nur. Bei Goethe gelangt man zum Besitze seiner ldeen und zum Kunstgenusse erst mit einer gewissen Ruhe, bei Schiller auf einmal:Schnell, wie es der Geist geboren, Will das Werk empfunden sein; denn nach seiner Ansicht ist sowol bei dem Dichter als auch bei dem Leser oder Zuhörer: Der mächtigste von allen Herrschern Der Augenblick. Ja in einer solchen Gunst des Augenblicks versetzt uns manches seiner Gedichte in ein solches Feuer, dass man es sogleich selbst versuchen möchte, auch zu dichten.

Nun aber gerade diese eigenthümliche Weise Schillers:Das Eigenste, was ihm allein gehört, nämlich denken und dichten innigst zu verbinden; die Tiefe philosophischer Anschauung mit der Fülle des schaffenden Dich- tungsvermögens zu durchdringen und unzertrennlich zu vereinen, und nicht nur durch die sinnliche Anschauung die Phan- tasie zu fesseln, sondern auch durch das klare Hervortreten der Ideen und durch eingestreute Reflexionen den Verstand und das Herz des Zuhörers zu befriedigen: dieses Verfahren ist für die grössere Menge allerdings viel fasslicher und an- ziehender, so wie auch überhaupt dem besonderen Charakter der deutschen Nation zusagender; denn diese liebt es überall etwas Bedeutsames und Höheres über den äussern Erscheinungen zu suchen und zugleich ausgesprochen zu hören.

Ferner, welche Stoffe wählte er für seine Dichtungen? Lauter Gegenstände von dem höchsten, allgemeinen In- teresse, nicht so sehr für Einzelne, als vielmehr für die gesammte Menschheit. Als lyrischer Dichter erscheinen ihm besonders Kunst und Poesie, Wissenschaft und Sittlichkeit als die Triebräder der gesammten Menschheit auf ihrem durch Jahrtausende sich hinziehenden Gange der Civilisation, und diese culturhistorische geheimnisvolle Wirksamkeit für das hausliche und öffentliche Leben suchte er sich besonders in den Gedichten:Die Künstler, das Ideal und das Leben, der Spaziergang, das eleusische Fest und das Lied von der Glocke zu deuten; überhaupt vieles Räthselvolle im Menschenleben auf poetischem Wege zu lösen, das ist vorherrschend seine lyrisch-didaktische Richtung: hier begegnen sich aber auchder Geschichtsfreund, der Philosoph und der Dichter zugleich. Ja selbstin den heitern, bunten Reih'n, in den Stunden geselliger Freundschaft will er den Menschen über die irdischen Genüsse erheben und gerade in solchen Augenblicken, wo das Gemüth ganz offen und fürs Bessere empfänglich ist, fürs Höhere, fürs Ideale begeistern.Nichts frommen die Gaben der Ceres, nichts der Purpursaft der Reben, wenn nicht zugleich der Geist feuer- trunken ist und das Herz ergötzt wird. Viele seiner gesellschaftlichen Lieder suchen den Genuss der Freuden zu ver- edeln und so werden dem sinnreich scherzenden Dichter selbst alltägliche Dinge zu Gegenständen höberer Weihe, wie z. B. die vier Stofle, aus denen der Punsch bereitet wird, zu bedeutungsvollen Sinnbildern der Welt und des menschlichen Lebens. In seinen Romanzen und Dramen ist es das Sittlicherhabene, der Mensch, welcher im Kampfe mit dem Irr- thume, der Gemeinbeit, dem Unrecht und der Bosheit, im Streite mit der rohen Natur und harten Schicksalsschlägen seine sittliche Freiheit behaupten und immer weiter entfalten soll; dennallein durch seine Sitte Kann er frei und mächtig sein. Ja,dass der Mensch zum Menschen werde, das ist der Grundton so vieler seiner Gedichte.

Und die Tugend, sie ist kein leerer Schall, Der Mensch kann sie üben im Leben;

Und sollt' er auch straucheln überall, Er kann nach der göttlichen streben.

Dieser Aufruf zur sittlichen Erhabenheit, zur Entfaltung edler Menschlichkeit, dringt, sowie, er aus dem Herzen des

Dichters kommt, ebenso wieder zu Herzen, und wahrhaft herzzerreissend erschallt sein warnender Ruf vor dem Misbrauche dieser von Gott uns gegebenen Willensfreiheit:

Lasst euch nicht irren des Pöbels Geschrei,

Nicht den Misbrauch rasender Thoren!

Und nur:

Der Meister kann die Form zerbrechen,

Mit weiser Hand, zur rechten Zeit. Aber weh dem Volke, das zur Eigenhilfe schrecklich greift; da lösen sich alle Bande frommer Scheu und alle Laster walten frei; dennder schrecklichste der Schrecken, das ist der Mensch in seinem Wahn.