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in seiner Bescheidenheit nicht dafür gelten.— Ferner der nähere Umgang und geistige Verkehr mit hochgebildeten Män- nern in Leipzig, Dresden, Rudolfstadt und besonders in Weimar, wo damals ein auserlesener Kreis von Dichtern und Ge- lehrten aller Art versammelt war, führte ihn zu ruhiger Reflexion und zu idealer Reinheit der Gefühle. Und hatte Schiller in der ersten Periode ausser Shakspeare mit französischen und andern modernen Schriftstellern, die seinen Geist oft zu leidenschaftlich aufregten, sich beschäfligt, so wendete er jetzt allen Eifer an das klassische Alterthum, an Homer und die griechischen Tragiker, an Virgil und Ovid und lernte besonders von den Griechen, wie man poetischen Stoffen auch eine wahrhaft klassische Form geben könne.
»Und auf der Spur des Griechen und des Britten
Ist er(der deutsche Genius) dem bessern Ruhme nachgeschritten.“
Dieser Läuterungsprocess fand seinen Abschluss durch die nähere Verbindung mit Goethe im Jahre 1794. Goethe war damals 45, Schiller 35 Jahre alt. Von nun trat die innigste und schönste Kunstfreundschaft und ein aus- dauernder mündlicher und schriftlicher Verkehr zwischen unsern zwei grössten Dichtern ein; sie theilten sich gegenseitig ihre Entwürfe und Arbeiten mit, es entstand„ein wechselweises Geben und Empfangen“ und dennoch schuf jeder von ihnen bei diesem wolthätigen Austausch der Gedanken ganz selbständige Meisterwerke.
Merkwürdig bleibt es bei dieser geistigen Umwandlung Schillers, dass, so wie ihn das dramatische Stück Don Carlos auf das Gebiet der Geschichte hinlenkte und diese ihn durch viele Jahre festhielt, ebenso die Geschichte, beson- ders des dreissigjährigen Krieges, es wieder war, die ihn zur dramatischen Poesie zurückführte, nämlich zu Wallenstein. Mit verstärkter Kraft und mit verklärterem Blicke schwang sich jetzt sein Geist aufs neue ins Reich der ldeale. Aus dieser dritten Periode stammt die grösste Anzahl seiner lyrischen, epischen und dramatischen Dichtungen, die sich einen blei- benden klassischen Werth errungen. Aber auch jetzt schwang er sich nicht auf einmal, sondern erst von Sphäre zu Sphäre immer höher: zuerst eine Reihe lyrischer Gedichte, die meist ein Nachhall seiner philosophischen und historischen Forschungen sind, dann Epigrammendichtung und zuletzt Romanzen und Dramen. Fast jedes Jahr brachte ein neues Ori- ginaldrama und daneben bearbeitete und übersetzte er auch ausländische Stücke. Ueber der Ausarbeitung des Demetrius starb er den 9. Mai 1805. Die Huldigung der Künste, welche er 1804 zur Feier der Vermählung des Erbprinzen von Weimar mit der Grossfürstin Maria Paulowna auf Goethe’s Ansuchen verfasst hat, ist ein lyrisch-dramatisches Stück, gleichsam„sein ästhetisches Testament“, in welchem er seine gereiſten Ansichten über Kunst und Poesie der Nach- welt hinterliess.
Dieser gedrängte culturhistorische Ueberblick von den Schwierigkeiten, die Schiller bei seiner Geistesbildung zu überwinden und die Erwägung der oft harten Verhängnisse, die er in Folge seiner Kränklichkeit und selbst drückender Nahrungssorgen zu erdulden hatte, mag es begreiflich machen, dass ein so hochstrebender und dabei oft schwer geprüfter Mann schon durch solche äussere Verhältnisse eine gewisse Theilnahme des Volkes erregte. Was ihn aber vor andern grossen Dichtern zum populärsten der Nation gemacht hat, das liegt tiefer in dem Gehalte und in der Form seiner Dichtungen selbst.
Da ist es nun besonders der vorherrschende Charakterzug Schillers, überall zum Idealen emporzustreben, womit er die grosse und seltene Gabe verbindet, dem Gedachten stets auch das klare, treffende und hinreissende Wort zu leihen und so den Zuhörer in dem gezogenen Ideenkreise gleichsam durch Zauber zu bannen.— Goethe und Schiller sind die Repräsentanten ihrer Dichterzeit, jeder ist in seiner Weise gross, in beiden ist die Dichtkunst nach allen Seiten zur vollen Entfaltung ihrer Blüthen gelangt; aber jeder von ihnen befolgte seine eigenste Art des Dichtens.„Goethe’s Natur ist es, immer vom Besondern zum Allgemeinen aufsusteigen, Schillers, vom Allgemeinen zum Besondern herabzusteigen.“ Goethe geht überall von den besonderen Erscheinungen aus, liefert uns stets sinnlich-bestimmte Gestalten, lässt uns das Concrete anschauen und führt uns dadurch allmählig zur beabsichtigten ldee hin, die er uns oft weit mehr herauszufühlen überlässt als dass er sie bestimmt ausspricht. Schiller erhebt uns sogleich im kühnsten Fluge zur ldee und lässt uns von dieser Höhe aus auf irgend ein Concretum, eine besondere Erscheinung, gleichsam herabsehen und anschauen, wie sich darin die ldee so zu sagen verkörpert hat. Sehr treffend bezeichnet Schiller selbst seinen und Goethe's verschiedenen Standpunkt des Dichtens in dem Epigramme:„die Uebereinstimmung“.
„Wahrheit suchen wir beide, du aussen im Leben, ich innen In dem Herzen— und so findet sie jeder gewiss.
— lst das Auge gesund, so begegnet es aussen dem Schöpfer; Ist es das Herz, dann gewiss spiegelt es innen die Welt.“


