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Karolinger, ist die schönste Blüthe jener Zeit.— Auf der zweiten Stufe finden wir das Mittelhochdeutsche im 15. und 14. Jahrhunderte, in der gesangreichen Zeit der Hohenstaufen. Die zwei grossartigen Lieder der Nibelungen und Gudrun, die hundertfach modulirten Töne des Minnegesanges, kurz eine reichhaltige Volks=- und Kunstpoesie und zwar als Epik und Lyrik, ja auch schon eine schöne Prosa, besonders in der Kanzelberedsamkeit gehören jenen Jahrhunderten des so häufig verkannten Mittelalters an. Das Deutsch-Nationale war damals mit dem geoffenbarten Christenthume zu harmonisecher Ein- heit aufs innigste und schönste verschmolzen, wahrlich ein grosser Vorzug vor unserer oft glaubensarmen Zeit.— Die dritte Periode— das Neuhochdeutsche— beginnt mit dem 16. Jahrhunderte, und erst nach vielen fast zweihundert- jährigen Kämpfen der Sprache brach mit Klopstock die Morgenröthe unserer Literatur herein. Sterne erster Grösse erglänz- ten nun bald am deutschen Dichterhimmel: Lessing, Herder, Goethe, Schiller u. a.
Schillers Andenken wollen wir heute besonders feiern. Zum Eingange eine Festrede, dann Vortrag einzelner Ge- dichte Schillers, Chorgesänge aus dem Lied von der Glocke und zum Schlusse Goethe’s Epilog zu Schillers Glocke,— das ist unser Festprogramm. Mir als dem ältesten Lehrer der deutschen Sprache an dieser Lehranstalt ist die ehrenvolle Ein- ladung geworden, dies Erinnerungsfest mit einer Ansprache zu eröffnen. Soll ich nun etwa dem Dichter eine eigentliche Lobrede halten?— Den schönsten und umfassendsten Lobgesang hat ihm Goethe selbst in dem angeführten Epiloge gespen- det; aber Goethe noch überbieten wollen, das wäre ein zu vermessener Einfall. Ueber Schiller lässt sich vieles, fast zu vieles sagen. Ich will mir daher den reichhaltigen Stoff etwas enger und bestimmter so abgrenzen:„Was hat Schiller vor andern grossen Dichtern zum besonderen Liebling der Nation gemacht? Wenn ich bei der Erörterung dieses Gegenstandes häufig nur das Echo solcher Kunstrichter bin, die mit tief forschendem Geiste und fein gebildetem Geschmacke ihre Stimme über Schillers Werth längst abgegeben haben, so darf ich auf Entschuldigung um so eher rech- nen, je gewagter und verwegener es wäre sich einzubilden, als könne man über solche gereifte Kunsturtheile hinaus noch etwas ganz Neues oder noch nie Dagewesenes hinzusetzen.
Will man Schillers Werth und Vorzüge nach was immer für einer Seite gehörig würdigen, so muss man vor allem auf seinen ganz eigenthümlichen Bildungsgang zurücksehen, der sowol auf seinen Gedankenumschwung als auch auf die künstlerische Gestaltung seiner Werke Einfluss hatte. Man unterscheidet hiebei gewöhnlich drei auffallende Perioden: seine Jugendpoesie, seine Läuterung und seine Kunstreife.
Die ersten lyrischen und dramatischen Werke fallen noch in die sogenannte Sturm- und Drangperiode, in eine Zeit, wo Originalgenies die Phantasie ganz frei und formlos schalten liessen, um gleichsam durch eine poetische Revolution der Welt eine neue geistige Gestalt zu geben. Man gefiel sich in der Wahl ungeheurer, unförmlicher Stoffe, in übertrie- bener Charakteristik, in grellen schaudererregenden Gegensätzen, in einer forcierten Sprache und in einer gewissen Effect- hascherei. Kann es uns wundern, dass auch Schiller bei seinem sonst entschiedenen Talent zur dramatischen Kunst in dem Feuer seiner jugendlichen Phantasie in seinen ersten Stücken: die Räuber, Fiesko, Kabale und Liebe diese Bahn eingeschlagen hat? Wenn auch diese drei Dramen urkräftig-lebendige Abbilder damaliger Gemüthszustände und vulgärer Zeitgedanken sind, so können sie doch auf echt klassische Werke noch nicht Anspruch machen;„sie sind Erzeugnisse einer überkräftigen, aber noch nicht geklärten Jugend,“ die sich höchstens den Beifall derjenigen erwerben, welche es lieben ins Unbestimmte und Ungeheuerliche hineinzuphantasieren und an einer noch schrankenlosen Willkür der Darstellung sich ver- gnügen.— Einen Uebergang zu ruhigerer Darstellung machte Schiller mit Don Carlos, obwol auch dieses Drama, abgesehen von den kosmopolitischen Motiven des Ganzen, noch zu breit gehalten und die Charakterzeichnung nicht überall ganz sicher und klar durchgeführt ist; wesshalb der Dichter selbst zu näherer Verständigung seine„Briefe über Don Carlos“ nachfolgen liess. Eine Abklärung und Beruhigung seiner geistigen Gährung geschah erst in der zweiten Periode, nämlich durch das ernste Studium der Geschichte und Philosophie, welchem er sich von 1785—1794 mit ganzer Seele hin- gab. In dieser Zeit ruhte er, etwa„die Götter Griechenlands und die Künstler“ ausgenommen, von grösserem poetischen Schaffen fast gänzlich aus. Seine Neigung zum Abstracten und ldealen fand besondere Nahrung in der Kantschen Philo- sophie; er gelangte zu festeren und strengeren Begriffen, besonders über sittliche Freiheit, über das Erhabene, das Schöne und die Kunst überhaupt. Und so wie ihn die Philosophie über den inneren Menschen aufflärte, so belehrte ihn die Geschichte über die äussere Menschenwelt. Auch seine übrige Lage wurde jetzt verbessert; der so strebsame, aber bis- her oft mit Nahrungssorgen kämpfende junge Mann erhielt hauptsächlich durch Goethe's Vermittlung eine Anstellung als Professor der Geschichte in Jena. Er schrieb mehrere historische und ästhetische Abhandlungen, die nicht sowol durch dauernden Gedankenwerth als vielmehr durch poetisch-rhetorisches Gepräge hervortreten, wodurch er für gewisse ldeen zu begeistern sucht; denn eigentlicher Geschichtforscher und Philosoph von Fache war Schiller nicht und wollte auch selbst


