Aufsatz 
Hat Kaiser Friedrich I. vor der Schlacht bei Legnano dem Herzog Heinrich dem Löwen sich zu Füßen geworfen? Eine historisch-kritische Untersuchung
Entstehung
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Vorganges wie des besprochenen behaupten? Die Detailliertheit des einen oder anderen Berichtes kann über sonstige Bedenken gewiss nicht hinwegheben. Man müsste sich denn entschliessen, überhaupt in der Geschichte den Original- berichterstattern die Anekdotenkrämer späterer Zeiten vorzuziehen. Was der Ursperger und Repegower von Heinrichs Ab- fall erzählen entbehrt sicher nicht des Details; birgt desshalb ihre Erzählung ein Körnchen Wahrheit mehr? ist etwa dess- halb des Herzogs Betheiligung an der Belagerung Alessandrias nicht erwiesen eine historische Lüge? Lässt sich aber denken, dass ein historisch nicht beglaubigter Vorgang in irgend welche Annalen Eingang fand? Der Einwurf wäre gewichtig, wenn es überhaupt den Annalen an Abschnitten gebräche, die durchaus sagenhafter Natur sind. Wie lässt sich aber dies denken? Die Frage gründlich beantworten hiesse das Wesen der mittelalterlichen Historiographie anfassen nicht bloss, sondern auch erschöpfen und wäre eine Aufgabe, die nicht in einem Programm und nur von einem Geist gelöset werden könnte, der die gesammte Geschichtschreibung und Dichtung des Mittelalters zusammenfasste und überblickte. Uebrigens möchte für den vorliegenden Fall der Ursperger einen Schlüssel bieten. Wie erschöpft er sich völlig in Aus- drücken, um als Quelle seiner Erzählung das Gerücht, das Gerede der Leute, die Fama zu bezeichnen. Diese, nicht das Hörensagen, nicht die mündliche im Gegensatze zur schriftlichen Ueberlieferung(für dieselbe wählt er andere Bezeich- nungen) wird mit seinemmarratur' undut referunt homines gemeint. Dass auch andere Schriftsteller aus der glei- chen Quelle schöpften, ohne sie so offen wie er zu nennen, lässt sich unschwer glauben; wenigstens erklärt sich so die Unbestimmtheit ihrer Angaben, der Mangel an Uebereinstimmung, selbst das trügerische Detail neben völliger Unkenntniss der Sachlage im ganzen und grossen.

. Der Sturz des Herzogs der Bayern und Sachsen war ein Ereigniss so unerwärtet, so furchtbar, so weitgreifend, dass die Phantasie der deutschen Mitwelt und noch mehr der Nachwelt genug Anregung empfand, es in ihren Kreis zu ziehen und, da die tiefer wirkenden Motive grosser Begebenheiten den Augen der Menge meist verborgen sind, auf mannig- fache Weise durch Fäden voll poetischen Schimmers mit Thatsachen zu verknüpfen, die offen vor aller Blicken lagen. Eine solche Thatsache war Heinrichs Selbstgefühl und Stolz, der in der Richtung nach oben und nach unten nur verletzen konnte; war ferner des Kaisers Bedrängniss in ltalien; war endlich die, welche unter allem was in Bezug auf das Ver- hältniss zwischen dem Staufer und dem Welfen in den Jahren 1174 bis 1176 in Scene gesetzt worden, allein auf festem historischen Boden steht: dass der Herzog seinen bedrängten Kaiser nicht unterstützt hat. Wenn das Volk in seiner sinnigen Weise diese Thatsachen mit dem plötzlichen Schicksalswechsel Heinrichs verwob, hätte es ein lebendigeres und ausdrucksvolleres Bild schaffen können als in welchem der Herzog von dem kniefällig um Hilfe bittenden Kaiser sich voll Kälte abwendet? schaffen können als ein rechtes Gegenstück zu jenem Bild, worin es den machtentkleideten und für vogelfrei erklärten Heinrich die Füsse des strengen Kaisers erbarmenflehend umfassen liess?

Ob nun aber des Herzogs Nichttheilnahme an der vierten italienischen Heerfahrt ein planmässiges Preisgeben Friedrichs und ob des Herzogs Sturz in der staufischen Politik, die durch den Frieden von Venedig freien Spielraum in Deutschland gewann, begründet gewesen, dies sind Fragen, die wol sehr nahe, aber ausserhalb des Zieles dieser Unter- suchung liegen.