Aufsatz 
Hat Kaiser Friedrich I. vor der Schlacht bei Legnano dem Herzog Heinrich dem Löwen sich zu Füßen geworfen? Eine historisch-kritische Untersuchung
Entstehung
Einzelbild herunterladen

19

gemerkt ¹):Duæ Saxonie, malo a malis hominibus accepto consilio, contra dominum suum, imperatorem videlicet Fredericum, rebellat. Ohne Zweifel ist mit diesen Worten die Widerspenstigkeit und Weigerung Heinrichs gemeint, der im genannten Jahre wiederholt ausgesprochenen Vorladung Folge zu leisten. Weiter heisst es dann zum Jahre 1180: Fredericus imperator..... super ducem Saxonie hostiliter vadit........ qui imperatori rebellis, non solum insolens eatitit, sed et superbus. Nam in eæpeditione Italica nimis laboriosa et dampnosa, ab ipso impera- tore ter commonditus, venire contempsit, sed nec nuncium nec milites in auæilium sui domini direxit. Mit den schärfsten Ausdrücken wird hier Heinrichs masslose Selbstüberhebung gegenüber seinem Herrn und Kaiser gezeichnet; mehrmals von diesem aufgefordert, ihm auf seinem beschwerdevollen und segenlosen italienischen Feldzuge beizustehen, erachtete der widerhaarige Herzog es nicht der Mühe wert, zu kommen, ja nicht nur persönlich erschien er nicht, son- dern nicht einmal eine Botschaft entschuldigender oder vertröstender Natur liess er ihm zugehen, geschweige denn, dass er eine Streitschaar zu Hilfe sandte. Warum meldet aber der Chronist nichts von der Zusammenkunft der beiden? Hein- richs Benehmen bei derselben hätte ihm den sprechendsten Zug zu seinem Charaktergemälde geliefert. Warum sieht er als den stärksten Beweis von seinem Uebermut den Umstand an, dass er nicht einmal einen Boten am den Kaiser sandte, warum nicht seine wegwerfende Haltung gegenüber dem in der demütigsten Stellung vor ihm befindlichen Oberherrn? Also wusste er von diesem Vorgang nichts. Wie erklärt sich aber sein Nichtwissen des gewichtigeren Umstandes, während er den geringfügigeren kennt? Muss man einem derartigen Schweigen über ein Ereigniss nicht eine die Wirklichkeit desselben ausschliessende Bedeutung beilegen? Und dazu dürfte man sich um so leichter verstehen, als der Mönch von Anchin eine sehr schätzbare Fortsetzung der Chronik von Gembloux geliefert hat. Im Auftrage seines Abbtes Simon, der von 1174 bis 1201 dem Kloster vorstand, die Geschichte von 1148 bis Ende 1201 fortführend lebte er nicht bloss den Ereignissen, um die es sich hier handelt, gleichzeitig, sondern schrieb sie auch, vie es scheint, zur selben Zeit nieder ²). Er selber nennt sich zwarmediocriter litteratus, aber nichts desto weniger zeigt er als Geschicht- schreiber einen so hellen Blick und ein so frisches, unbefangenes Urtheil, dass man sich trösten kann, wenn er nicht auf der Höhe der Gelehrtenbildung gestanden. Schwerer noch wiegt, dass er über nahe liegende, aber auch über Begebenheiten, deren Schauplatz in weiter Ferne gelegen, gut unterrichtet ist, indem ihm, wie er selber sagt, Nach- richten von glaubwürdigen Augenzeugen zuflossen und auch Diplome nicht zu ferne standen, um sie für seine Erzählung zu verwerten.

Uebrigens stehen die beiden Quellen des Westens mit ihrem Schweigen über das fragliche Ereigniss nicht ver- einzelt da; es treten ihnen Berichte zur Seite, die aus dem nördlichen Deutschland stammen, dem eigentlichen Schau- platze von des Herzogs Heinrich Thätigkeit. Voraus sind die Annales Pegavienses zu nennen. Schon um 1156 besass das Kloster Pegau am linken Ufer der weissen Elster ein Geschichtswerk, dessen Verfasser mit dem Jahre 1149 seine Arbeit abschloss ³). Das Stück, welches die Geschichte der folgenden Jahre bis 1175 behandelt, ist mehr oder minder vollständig aus den Magdeburger Annalen entlehnt. Die weitere Fortsetzung aber von 1176 bis 118 ist, wie Pertz sagt, selbständig, gleichzeitig 4) und reichhaltig. Eine gewisse Verwandtschaft mit jenen lässt sich indess auch hier nicht ver- kennen, nur dass bald die einen, bald die anderen mehr geben. Wie ausführlich nun auch der Pegauer Mönch von dem Einschreiten des Kaisers nach seiner Rückkehr aus ltalien gegen den Herzog und dem Kampf zwischen ihnen berichtet und wie nahe es für ihn lag, der ürgerlichen Zusammenkunft zu gedenken, da er zum Jahre 1176 bemerkt): AImperator a Papiĩa prineipes Sawoniae et aliarum partium invitans in Longobardiam, dennoch erwähnt er derselben nicht. Dasselbe Schweigen beobachten die Magdeburger Annalen, die in dem südlich an Magdeburg stossenden Kloster Bergen zusammengesechrieben worden; sie sind nemlich ein Compilationswerk, aber nur bis 1164. Von da an bis 1188 luft eine, soweit man bis jetat sieht, selbständig zu nennende Fortsetzung. Dass deren letzter Theil, die Geschichte der Jahre 1175 1180, zwischen 1173 und 1188 verfasst wurde, ist wahrscheinlich, zumal die Nachricht vorliegt, dass auf Anordnung des Abbtes Sifrid das bereits vorhandene Werk um 1176 abgeschrieben wurde. Uebrigens bürgt schon die nahe Verwandtschaft dieses Abschnittes mit dem betreffenden der Pegauer Annalen, dessen Verfasser ausser allem

¹) Pertz, M. G. 8S. VI. pag. 418.. ¹) Aus einer Notiz zum Jahre 1192 geht mit aller Sicherheit hervor, dass er sie vor 1197 niedergeschrieben.

³) Wattenbach, l. c. 8 582.. *) Beim Jahre 1179 ist angemerkt:Horrida niæ duravit in Pascha, ut etiam volucres ingemiscerent nobiscum, ut leticiam

paschatem, gelu tristi nondum verso, vie concineremus. ³) Pertz, M. G. SS. XVI. pag. 261. 4