Aufsatz 
Hat Kaiser Friedrich I. vor der Schlacht bei Legnano dem Herzog Heinrich dem Löwen sich zu Füßen geworfen? Eine historisch-kritische Untersuchung
Entstehung
Einzelbild herunterladen

15

gewendet, er, bereits ein Greis, sei in Folge seiner vielen Feldzüge nach Italien und anderwärts, sowie in Folge über- grosser Anstrengung zu hinfällig, als dass er neuen Strapazen in Wälschland sich unterziehen könnte. Vergass der Herzog oder der Abbt von Lübeck, dass er damals, wo er dem Kaiser gegenüber in dieser Art für seine Person um Schonung flehte, erst 46 Jahre alt war, oder dachte er, der Kaiser wisse nichts vom Alter seines Verwandten, wisse nicht, dass er gegen deutsche und slavische Nachbarn das Schwert vernichtend zu schwingen noch vermöge? Dass dann Friedfich, ein Kaiser voll des lebendigsten Selbstgefühles, den Herzog im Verlauf der Rede nicht bloss als eine Säule des Reiches, sondern als denjenigen, in welchem alle Macht desselben ruhe, bezeichnet hätte, wer mag das für wahrscheinlich halten, selbst wenn er des Kaisers Bedrängniss nicht gering anschlüge? Und warum sollte dieser, als er Heinrich zu jeder Dienstleistung ausser der persönlichen bereit gesehen, nicht wenigstens an einem von ihm gestellten Heere sich haben genügen lassen? Ein helleres Licht noch über Arnolds Verlässlichkeit hinsichtlich des vorliegenden Ereignisses dürfte die unmittelbare Fortsetzung der angeführten Stelle verbreiten. Er fährt nemlich fort:Imperator...... reversus est in Italiam cum exercitu, quem tunc contrahere poterat, adjurante partes ejus omni instantia Christiano Moguntino.... Itaque prosperatus victoriam adeptus est et ad voluntatem abusus est terra illa incendiis et depraedationibus, deva- stans omnem civitatem munitam. Et contritum est cornu adversariorum et siluerunt in conspectu ejus. Videns ita- que quod data esset requies, opportunitatem nactus, convocatis prineipibus, multa contra Heinricum ducem allegare coepit...... Wenn etwas darzuthun im Stande ist, dass dem Abbt Arnold die Geschichte des vierten Jahrzehentes vor seinem Tod(t 1212) wie verschleiert vor Augen lag, so sind es die vorangestellten Bemerkungen, die aller histo- rischen Ueberlieferung ins Gesicht schlagen.»Der Kaiser kehrte mit dem Heere, welches er damals aufbringen konnte, nach ltalien zurück.« Worauf bezieht sich das»damals«? Offenbar auf die Zeit der Zusammenkunſft mit Heinrich. Aber bei dieser Gelegenheit setzte Friedrich, wie berichtet wird, den Fürsten die traurige Lage des Reiches erst auseinander und suchte sie für eine Heerfahrt zu gewinnen. Also blieb er in Deutschland, bis er mit den von ihnen zugeführten Mannen zurückkehren konnte? Dies nahm jedenfalls lüngere Zeit in Anspruch. Wie konnte aber ein längerer Aufenthalt des Kaisers in Deutschland allen deutschen, seine längere Abwesenheit aus ltalien allen italienischen Geschichtschreibern derselben Zeit verborgen bleiben? Denn kein einziger berichtet etwas davon. Zwar scheint Friedrich nach einer Bemer- kung bei Sigonius ¹) und Tschudi ²) auf kurze Zeit nach Deutschland geeilt zu sein und dies noch im Jahre 1175; darauf weiset auch eine Urkunde Friedrichs für das Kloster Hert dat.»Rulichesheim 1175 1 ³). Ist dasCastrum None, wo er am 20. November 1175 für den Abbt von Nienburg eine Urkunde ausgestellt 4), nicht, wie Stälin will, im ehemaligen Venetianischen zu suchen, sondern in Val di Non, so liesse sich auf seinen Rückweg über Tirol schliessen. Damals mögen Berthold von Zähringen, der noch am 6. October in Deutschburgund oder Schwaben urkundete), Bischof Hartwie von Augsburg und mehrere schwübische Ministerialen dem Kaiser, der bald wieder in Pavia war, nach ltalien gefolgt sein. Allein deren Mannschaft kann das Heer, von dem Arnold spricht, nicht sein, nicht sowol, weil nichts zwingt, anzunehmen, dass sie den Kaiser begleitet habe, sondern, weil dessen letzte kriegerische Actionen in Italien, die dem Frieden unmittelbar vorangingen, und gerade diese hat Arnold im Auge mit dem Erscheinen eines andern, des letzten deutschen Heeres, das ihm zugeführt wurde, in engstem Zusammenhange standen. Es war jenes Heer, mit dessen Aufbringung der Erzbischof Philipp von Köln betraut war) und zu dem der Magdeburger, Wormser, niederrheinische Herren und einige andere mit ihrer Mannschaft stiessen, wie aus der Chronica regia von Cöln, den Magdeburger Annalen und Otto von St. Blasien hervorgeht. Dieses aber kam so wenig mit dem Kaiser nach alien, dass er vielmehr, um sich mit demselben zu ver- einen, erst von Pavia nach Como, wo es Halt gemacht, aufbrechen musste und gerade hiedurch ward das Treffen bei Legnano herbeigeführt. Auf das klarste berichtet hierüber die Chronica regia von Cöln, eine Quelle, über deren Vorzüg- lichkeit noch gesprochen werden soll, folgendes zum Jahre 1176):Philippus Coloniensis archiepiscopus, cui imperator

¹) v. Lang, Sendschreiben an Böhmer, S. 45. ¹) Damberger, synchron. Geschichte d. K. u. W. im NMittelalter, VIII. S. 975. . ²) Die Urkunde ist erwühnt bei Stälin, Wirtemberg. Geschichte, II. S. 585. Die Angabe des Tages fehlt.Beim Ausstellungsort muss ein

lrrtum unterlaufen. Stälin.

) Stälin, I. c. II. S. 409.

³) Stälin, I. c. II. S. 550.

³) 1176 leiht er von Engelbert von Derg 400 Mark, weil er alles aufwenden müsse,donec imperiatis strenuitas elatum cuput sibi rebettium penitus dectinet et sibi subjtciat. Lacomblet, Urkundenbuch für die Geschichte des Niederrheins, I. S. 519. 520.

*) Böhmer, Fontes R. G. III. pag. 447. 448.