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welches Gefahr im Verzug war, dessen Anwesenheit in der Nähe nicht hätte unbenutzt vorübergehen lassen und das Docu- ment davon erzühlen müsste, was aber nicht der Fall ist. Also fuhr Heinrich nach Sachsen, während der Kaiser durch das südwestliche Deutschland nach ltalien hinabstieg. Dass er aber auch 1175 in Sachsen weilte und an der Belagerung Alessandrias nicht Theil nahm, mag aus folgendem geschlossen werden. Die erst jüngst durch Pertz bekannt gegebenen Annales Palidenses(Pöhlder), eine gleichzeitige Quelle, berichten zum Jahre 1175:„Heinricus duæ comiciam Bernardi comitis, filii Adelberti marchionis, predis et incendiis devastavit ¹).“ Eine nähere Angabe der Zeit, um welche dieser Verheerungszug stattgefunden, dürften die Magdeburger Annalen enthalten, welche dieselbe Notiz haben und zwar an bedeut- samer Stelle eingerückt. Nachdem sie nemlich zum Jahre 1175 mit den schon früher angeführten Worten die durch das Erscheinen des lombardischen Heeres veranlasste Waffenruhe und des Kaisers Abgang nach Pavia erzählt, bemerken sie weiter:„Heinricus duæ cum valido exercitu Bodam fluvium transiens et Groninge inicium depopulationis faciens, ad injuriam Bernhardi comitis omnia igne domat, inter que et famosum oppidum Aschersleve conflagrat, lapidias vero structuras impulsionibus quassat, quassatas diruit et subvertit......“ ²) Dann erst geben sie an, wie der Kaiser den geistlichen und weltlichen Fürsten, die ihn nach Italien begleitet, heimzukehren gestattet habe. Wie sollte der Annalist, der gar kein Interesse zeigt, Heinrichs guten Ruf zu schonen, der über die Ereignisse in lfalien und in jenem Theile Deutschlands, dem er besonders nahe stand, über des Kaisers und des Herzogs Thätigkeit in einer und derselben Stelle so weuläufig und genau als man wünschen mag, sich verbreitet, Heinrichs Rückkehr aus ltalien auch nicht mit einem einzigen Worte berührt haben, wenn derselbe vor Alessandria gewesen und gar, wenn er in der Weise abgezogen würe, wie der Ursperger es berichtet? Braucht nach dem gesagten noch hervorgehoben zu werden, dass, abgesehen von den hieher gehörigen deutschen Quellen, deren weiterhin gedacht werden wird, Heinrichs Anwesenheit vor Alessandria und sein Abfall, der den Kaiser machtlos gemacht, das Bollwerk des Lombardenbundes gerettet und diesen zum Triumph geführt haben soll, ein Ereigniss also, das die grösste Tragweite für die ligistischen ltaliener gehabt und das gerade vor ihren Augen sich zugetragen hätte, selbst nicht von einem Sire Raoul, dem so nahe stehenden und gut unterrichteten Zeit- genossen, in sein Geschichtsbuch aufgenommen worden ist? Das Schweigen dieser wie der andern italienischen Quellen über einen solchen Vorgang wäre schlechterdings unbegreiflich, verhielte es sich so wie die schwäbische Chronik erzählt. Wahrlich, auf einen leeren Schatten sich stützen hiesse es, wollte man für den in Frage stehenden Vorgang deren Auto- rität anrufen. Uebrigens möchte die eben untersuchte Stelle doch nicht ohne alle Bedeutung sein und soll diese später nach Gebühr hervorgehoben werden.
Neben der Ursperger Chronik aber wurden noch zwei Quellen angemerkt, aus denen die erste der berührten Dar- stellungen allenfalls schöpfen konnte. Wie steht es nun mit ihrer Autorität? Von vorneberein gestanden: gewiss nicht besser als mit der des Urspergers. Inwieweit jene mit diesem übereinstimmen, werden zwar die bereits geäusserten Beden- ken natürlich von neuem zu erheben sein, denen, waren sie dort berechtigt, die Berechtigung auch hier nicht fehlen wird. Aber die Uebereinstimmung ist nicht völlig und so dürften einige besondere Bemerkungen am Platze sein. Fürs erste ist der allgemeine Charakter der sogenannten Kaiserchroniken zu berücksichtigen. Dieselben sind bekanntlich nichts anderes als magere Compendien der Weltgeschichte, enthalten nur gedrängte Uebersichten, beschränken sich auf summarische Zusammenstellung derjenigen Begebenheiten, welche die Regierung eines Kaisers zu- charakterisieren geeignet schienen.— Reichhaltigkeit des Stoffes, genaue Angaben, chronologische Bestimmtheit, allseitige Beleuchtung, tieferes Eingehen auf den ursachlichen Zusammenhang, richtiges Gefühl in der Wahl der Vorlagen, kritische Scheidung des sagenhaften vom geschichtlichen, kurz die Eigenschaften einer guten Geschichtsquelle darf man bei ihnen in der Regel nicht suchen. Im allgemeinen demnach stehen sie den Annalen, deren enge und für die historische Genauigkeit nicht wenig förderliche Form sie durchbrochen haben, nicht bloss den selbständigen, ursprünglichen, sondern sogar denen, die auf gewissen- hafter Compilation beruhen, an massgebender Wichtigkeit unvergleichlich nach. Dass sie nicht mitunter schätzbare Nach- richten bewahren, namentlich wo die Darstellung in die Zeit der Verfasser greift, ist nicht behauptet. Aber dass man gleichwol nur mit höchster Behutsamkeit auf ihnen fussen dürfe, steht ausser Frage. Um dann auf die zwei Chroniken, aus denen oben Stellen ausgehoben worden, im besonderen überzugehen, so möge es gestattet sein, über den historischen Wert oder Unwert der gereimten Kaiserchronik die Worte W. Wattenbachs zu citieren ³):»Dieses Geschichtswerk, wenn
¹) Pertz, M. G.§S. XVI. pag. 94. ²) Pertz, M. G. SS. XVI. pag. 193. ²) Deutschlands Geschichtsquellen im Mittelalter, S. 345. Vgl. auch S. 420 fl.


