Aufsatz 
Hat Kaiser Friedrich I. vor der Schlacht bei Legnano dem Herzog Heinrich dem Löwen sich zu Füßen geworfen? Eine historisch-kritische Untersuchung
Entstehung
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der tapfere Held seinen Kaiser im entscheidenden Augenblick im Stiche liess. Doch gehen die Darstellungen darüber aus- einander, auf welche Art der Welfe den Staufer im Stiche liess. Der eine lässt sich darüber so vernehmen:»Während andere Fürsten der Not wichen, hatte Heinrich der Löwe allein den Sinn des Kaisers aufgefasst, aus wahrhafter Ehrfurcht gegen denselben die Versuchung zum Abfall mannhaft überwunden und trotz des betrügerischen Schimmers der Selbst- herrschaft alle Pflichten gegen das Gesammtleben des Volkes erfüllet. Da geschah es, dass die Vergrösserung der hohen- staufischen Hausmacht, die Krönung Heinrichs zum römischen König, die wachsende Feindschaft zwischen Kirche und Reich den nur schlummernden Geist der Welfen weckten, welche von jeher Einheit des Glaubens und Vielheit des bürgerlichen Lebens gewollt hatten. Dennoch verabscheute der Herzog das aufsteigende Ungeheuer der Zwietracht und zog über die Alpen mit stattlichem, des alten Helden würdigem Gefolge. Als aber auch diese Opfer, vor Alessandria dem Starrsinn des Kaisers gebracht, im Hintergrunde ein neues Ungewitter sammelten: da kehrte das Schrecken der Wälschen und der Spie- gel Teutscher Ritter mit unterdrücktem Ingrimme in die Heimat zurück."

Was hier nur angedeutet ist haben andere ergänzt und zu einem prachtvoll colorierten Bilde ausgestaltet. Statt vieler sei nur einer angeführt:»Im Jahre 1175¹) brach Friedrich zum fünften²) Male nach ltalien auf; hier hatte sich aber die Lage der Dinge seit des Kaisers Flucht sehr verändert; die Lombarden hatten ihren Bund erneuert und vergrössert, Mailand erstand aus seinen Ruinen ³) und dem Papst zu Ehren bauten die Lombarden eine neue feste Stadt, Alessandria. Friedrich griff sie an und konnte sie zwar nicht erobern, behauptete jedoch sein Uebergewicht im Felde. Aber im Früh- ling des folgenden Jahres verliess Heinrich der Löwe mit 5000 Rittern den Kaiser, als gerade ein lombardisches Heer in der Nähe stand; ohne Zweifel war es im Einverständnisse mit ihm so nahe gekommen). Vergebens bat ihn der Kaiser, vergebens beschwor er ihn auf den Knien, noch die einzige entscheidende Schlacht mitzuschlagen; einer der trotzigen Mannen Heinrichs sprach sogar:»bald werdet ihr, Herr, die Krone auf dem Haupte tragen, welche jetzt vor euren Füssen liegt.« Heinrich zog ab und Friedrich nahm mit seinem kleinen Heere bei Legnano den 29. Mai die Schlacht an.«

Nach dieser Darstellung also wäre nicht zu zweifeln, dass der Welfe Heinrich seines Kaisers Aufforderung Gehör schenkend und sich selbst bekämpfend mit diesem über die Alpen gezogen und sein stattliches Gefolge gegen Alessandria in Kampf gebracht. Darnach aber, so sagt wenigstens der zweite Gewührsmann, dessen Geschichtsbuch für Mittelschulen bestimmt ist, habe er unmittelbar vor der entscheidenden Schlacht, nachdem er sie gewissermassen herbeigeführt, den Kaiser buchstäblich im Stich gelassen, indem er mit seinen Reitern auf und davon sei, unbekümmert um den auf den Knien bittenden Barbarossa, der sofort die Schlacht bei Legnano verloren habe. Unläugbar ist diese Erzühlung von tief poetischen Motiven bewegt und vielleicht trennt sich die Phantasie so manches nur ungern von einem Bild, das hier den Herzog zeigt, wie er sich in den Sattel schwingt, um mit seinen trotzigen Mannen in den Alpen zu verschwinden, hier den Kaiser, der betroffen sich erhebt und nach seinem kleinen Heere ängstlich ausschaut, dort das Lager der hohnlachenden Freunde Heinrichs, der Lombarden. Auch das kann nicht geläugnet werden, dass der Bericht auf quellenhafter Ueber- lieferung beruht.

Gleichwol berichten über Heinrichs Preisgebung des Kaisers andere Schriftsteller wieder anders. So sagt der ge- feiertste unter ihnen:»So hoch standen die Welfen, dass sie den Hohenstaufen fast das Gleichgewicht hielten; und aus der Gleichheit der Kräfte entspringt der Wunsch nach Herrschaft; aus dem Wunsche der Kampf um die Oberherrschaft. Daher wollte Heinrich der Löwe keineswegs länger, als ein gehorsamer Reichsstand, seine Kräfte für des Kaisers Zwecke verwenden, sondern im Gefühle grosser Macht ein eigentümliches, unabhängiges Leben beginnen und seine Bahnen sich selbst vorzeichnen. Der italienischen Züge war er überdrüssig; und wenn auch die Beschuldigung nicht erwiesen ist, dass er für den Abfall vom Kaiser lombardisches Geld genommen habe, so sah er doch dessen Schwächung in diesem Augen- blicke gern, um ungehindert für seine eigene Grösse wirken zu können. Alle diese Missverständnisse, das hoffte der Kaiser, würden leicht durch ein mündliches Gespräch ausgeglichen werden, zu welchem Heinrich der Löwe in Chiavenna am Comersee eintraf. Nachdem Friedrich dessen Entschuldigungen angehört und nach Kräften widerlegt hatte, fuhr er fort: ........... Itzt nur, in dieser Noth unterstütze mich...... noch einmal aus allen Kräften und sei überzeugt,

¹) Soll heissen: 1174.

¹) Mit Heeresmacht das vierte Mal.

¹) Vorausgesetzt, dass es(1162) in Ruinen gesunken war, es stehen aber erhebliche Gründe dagegen, wie schon Raumer bemerkt hat.

*) Wenn Heinrichs Einverständniss so ausser allem Zweifel ist, so begreift man wahrlich nicht, warum er nicht gleich mit den Lombar- den den Kaiser in die Mitte genommen und vernichtet hat.